Frage: Junge Pfarrerinnen und Pfarrer zeigen sich im Internet vermehrt mit Priesterkragen. Was ist aus dem guten alten evangelischen Ringelpullover geworden?

Malte Detje: Hier in der Großstadt bin ich als Pastor nicht mehr unbedingt bekannt. Der Kollar hilft den Menschen, mich einzuordnen. Ich muss mich nicht allen vorstellen. Die Leute wissen: Das ist der Pfarrer. Als introvertierterem Menschen kommt mir das entgegen.

Frage: Wie ist das in Bayern?

Sabrina Hoppe: Ich habe noch nie Kollar getragen. Hier am Chiemsee, in der evangelischen Diaspora, würde das für Irritationen sorgen. Ich bin aber auch ein extrovertierter Mensch, mich vorzustellen macht mir nichts aus. Und ich genieße es auch, manchmal nicht sofort erkannt zu werden.

Frage: Woher kommt dieser neue Stolz auf die Konfession, der da aufgetragen wird?

Detje: Der objektive Zugang Luthers hat mir sehr geholfen – dass nicht entscheidend ist, was in meinem Herzen passiert, sondern was in Gottes Herzen stattfindet. Ich bin in einer christlichen Subkultur aufgewachsen, die eher evangelikal-pietistisch geprägt war. Ich erlebte das als eine Form des Christseins, das ganz stark auf eine persönliche Beziehung zu Jesus abhebt. Mein Problem dabei: Ich bin eigentlich gar kein sonderlich religiöser Mensch. Ich konnte das nicht leben. Oder um es etwas griffig zu sagen: Ich kann Gottes Gegenwart vielleicht nicht immer spüren, aber ich kann sie im Abendmahl schmecken.

Hoppe: Mir versperrt sich dieser Zugang, obwohl ich inzwischen auch einen großen Wert in unserer Liturgie, den Formen und Gesten erkenne. Ich setze aber genau auf der anderen Seite an, wobei ich "Subjektivismus" abschätzig finde. Ich spreche lieber vom anthropologischen Zugang. Ich bin in einem völlig unchristlichen Elternhaus aufgewachsen, kirchlich sozialisiert hat mich der Kinderchor meiner Kirchengemeinde. Erst im zweiten Semester Theologie ist mir aufgefallen, dass ich aus einer lutherischen Kirche komme. Das spielte einfach keine Rolle. Wichtig war die biografische Erfahrung, angenommen zu sein in einer Kirchengemeinde. Das erklärt auch meinen theologischen Zugang: die Möglichkeit, eine individuelle Lebenserfahrung im Kontext einer größeren Wirklichkeit zu deuten.

Frage: Sie begründen Ihre Theologie jeweils biografisch. Wozu dann Luther?

Hoppe: Ich brauche Luther als Theologen. Ich brauche ihn nicht als Gewährsmann meiner kirchlichen Tradition. Ich brauche den Zugang, der mir zu Gott gewährt ist, ohne Umwege über Heilige. Und ich brauche die unbedingte Gnade.

Detje: Mir geht es auch nicht um Luther, sondern um die lutherischen Bekenntnisschriften. Das ist es, was uns als Kirche verbindet. Ich muss nicht jede private Aussage von Luther verteidigen und mich auch nicht mit allem einverstanden erklären, was er hier und da gesagt hat. Ebenso gilt: Es gibt kein Christentum ohne Konfession. Wir müssen uns ja zu bestimmten Fragen verhalten.

Hoppe: Meinst du theologische oder ethische Themen?

Detje: Theologische! Ich muss etwa die Frage beantworten, ob ich Kinder taufe oder nicht. Die Antwort ist Teil meiner Konfession.

Frage: Würden Sie, Frau Hoppe, sagen, die Leute kommen wegen der Sexualethik und bleiben trotz der Tauftheologie?

Hoppe: Ich glaube zumindest, dass sich die theologischen Fragen nachgeordnet stellen. Der erste Anlass, sich einer Gemeinde anzuschließen, ist ein sozialer oder ein biografischer. Vielleicht war der Pfarrer sympathisch, die Räume schön. Die theologische Reflexion kommt erst danach. Und ganz ehrlich: Mit den Bekenntnisschriften verbindet mich wenig. Sie helfen mir auch nicht im Alltag. Ich habe sie natürlich gelesen und studiert. Und trotzdem würde ich die Tradition, in der wir stehen, breiter auffassen und alle möglichen theologischen Denkfiguren einbeziehen, Literatur, Musik, Poesie. In deren Tradition sehe ich mich, auch wenn sie nicht den Rang autorisierter lutherischer Bekenntnisschriften haben. Aber den Glauben prägen sie meist tiefer.

Frage: Konfessionen wirken etwas aus der Zeit gefallen, wo heute ja schon nur noch wenige wirklich sagen können, was katholisch, was evangelisch ist.

Detje: Ich bin lutherisch, weil ich überzeugt davon bin. Ob etwas als aus der Zeit gefallen gilt, kann nicht unsere Leitfrage sein. Aber der Kollarkragen ist ein gutes Beispiel dafür, dass sich die verschiedensten Motive mischen. Ich denke, dass er vermehrt aus modischen Gründen getragen wird, überhaupt nicht, weil sich dahinter eine neokonfessionelle oder gar ultrakonservative Strömung verbirgt.

Frage: Das heißt, die Konfession rückt eigentlich sogar in den Hintergrund, wo sie in den Vordergrund gerückt wird?

Hoppe: Die Gründe, Kollar zu tragen, sind sicher vielfältig. Wichtig ist aber doch die Frage, welches Kirchenbild vermitteln wir und können die Leute die Intentionen dahinter unterscheiden? Wobei sie ja auch nicht dumm sind, sie können sich schon dazu verhalten. Deshalb ist es vielleicht auch eine schöne Herausforderung, wenn sich die Gesellschaft stärker mit Glaubensfragen beschäftigt.