Dr. Macron bescheinigt der Nato den "Hirntod". Dr. Merkel knurrt: Diese "Sichtweise entspricht nicht meiner". Mit ihrer "zweiten Meinung" liegt sie richtig, zumal das Konsilium der Bündnispartner ihr beipflichtet. Die alte Dame Nato (70) ist quicklebendig, was zwei Rätsel aufwirft. Erstens: Warum lebt sie überhaupt noch? Denn Allianzen sterben, wenn sie siegen und so – wie nach dem Zerfall der Sowjetunion 1991 – ihre Daseinsberechtigung verlieren.

Zweitens: Warum macht Donald Trump seine Drohungen nicht wahr? Seit Amtsantritt böllert der Wüterich etwa so: "Zahlt oder wir ziehen ab!" Tatsächlich aber hat Trump die US-Präsenz in Europa verstärkt, die Obama reduziert hatte. In der Nato-Übung "Trident Juncture 2018" waren 20.000 GIs dabei, um Kampfbereitschaft zu demonstrieren. Im kommenden Jahr will "Defender Europe 20" mit 20.000 US-Soldaten abermals Reaktionsfähigkeit beweisen.

So agiert eine Supermacht nicht, die sich in der "Festung Amerika" einbunkern will. Die Logik ist simpel; es regiert nicht die Liebe zu Europa, sondern das Eigeninteresse. Wie seit eh und je denkt Amerika nicht daran, 500 Millionen Europäer und die zweitgrößte Wirtschaft der Welt in Putins Machtbereich abgleiten zu lassen. Der ist zwar kein Stalin, aber doch ein begnadeter Stratege, der jede Chance nutzt, um nach Westen und Nahost auszugreifen.

Die bequemen Zeiten des "Geh du voran" sind vorbei, Trump hin oder her

Obwohl die Westeuropäer Trump verabscheuen, bleiben sie nüchtern. Sie sind reich und mit 1,4 Millionen Soldaten etwa so stark wie die USA – doch nur auf dem Papier. Denn 27 ergeben keine 1 – den gemeinsamen Staat, der Kräfte bündelt und über Krieg und Frieden entscheidet. Russischen Pressionen ausgesetzt, haben die Osteuropäer andere Sorgen als die weit entfernten Spanier und Portugiesen. Italien fühlt sich von Nordafrika her bedroht, Griechenland von der Türkei. Frankreichs Emmanuel Macron will wie Charles de Gaulle selig die Führung an sich reißen, doch wird sich Berlin, der Stärkere im Bunde, nicht unterordnen – trotz aller Freundschaftsschwüre.

Wenn schon Gefolgschaft, dann lieber unter dem Schirm der Supermacht, die weltweit eingreifen und Russland wie China die Lust am Abenteuer vergällen kann. Frankreich ging schon nach ein paar Tagen im Libyen-Luftkrieg die Munition aus; dann musste die U. S. Air Force nach vorn. Für ein drittklassiges Krisengebiet wie Mali reichen die deutsch-französischen Kräfte, nicht aber an der Ostgrenze der Nato. Hier hält ein Dutzend EU-Staaten Wache, aber entscheidend ist das US-Kontingent, hinter dem die größte Militärmacht auf Erden steht. Putin wird sich hüten, einen "Stolperdraht" auszulösen, der direkt nach Washington führt.

So bitter solche Einsichten auch in europäischen Ohren klingen, bestimmen sie doch die Wirklichkeit seit Jahrzehnten – seit Frankreich 1954 die Europäische Verteidigungsgemeinschaft, ein rein europäisches Projekt, torpedierte. Europa versagt bei der Selbstverteidigung nicht, weil die Mittel fehlen. Die sprudeln inzwischen reichlich. Doch bringen die Europäer sie nicht auf, weil die einstigen Weltbeherrscher das strategische Handwerk verlernt haben, vorweg die Deutschen. Warum auch nach der Katastrophe 1914 bis 1945 wieder Machtpolitik betreiben, wenn der große amerikanische Bruder eine Sicherheitsgarantie zum Discount-Preis gibt?

Appelle, die mantramäßig Selbstbehauptung anmahnen, nützen wenig, wenn sie nicht eine "Kulturrevolution" auslösen, welche die Fähigkeit zum strategischen Handeln wiederherstellt. Gerade in Deutschland, dem zweifach gebrannten Kind, dominiert ein mächtiger Abwehrreflex. Nirgendwo ist die Armee nach dem Mauerfall so gründlich verrottet wie hier, nirgendwo unter den Großen klafft eine so breite Lücke zwischen Gewicht und Verantwortungsbewusstsein für die Sicherheit in dunkleren Zeiten. Deshalb sei Verteidigungschefin Kramp-Karrenbauer für ihren Todesmut zu loben, wenn sie fordert: "Nicht nur abwarten, ob andere handeln", dazu einen wachsenden Wehretat und einen "Nationalen Sicherheitsrat", der die "Koordination unserer strategischen Instrumente gewährleistet".

Denn die bequemen Zeiten des "Geh du voran" sind vorbei, Trump hin oder her. Um als "Friedensmacht" zu bestehen, muss die Republik auch etwas für den Frieden tun. Dass der nicht nur moralischen (und moralisierenden) Einsatz, sondern auch militärischen verlangt, muss sich in den Köpfen noch durchsetzen.