"Gott", sagte einmal der Berliner Religionswissenschaftler Rudi Thiessen, "erschuf die Giraffe als eine Reminiszenz an die gotische Kathedrale." Was auf den ersten Blick absurd-surrealistisch klingt, birgt doch eine tiefere Weisheit über den Menschen in der Moderne. Das Artefakt bahnt ihm allein den Weg zum Ursprung, nur über die ästhetische "kunstsinnige" Betrachtung lässt er Naturempfindungen zu. Mit dieser Erfahrungstechnik, die Ästhetik eines Gotteshauses über den Inhalt des Glaubens zu stellen, bringt man selbst Atheisten zum Niederknien: wenn schon nicht vor Gott, so doch vor der übermenschlichen Anstrengung, so ein Wunderwerk der Technik und Ausgestaltung schaffen zu können.

An sich wäre schon das 42 Meter hohe Gewölbe Sensation genug.

Im Stephansdom von Metz spiegelt sich das göttliche Licht in den Kirchenfenstern, die dreimal so viel Glasfläche einnehmen wie die ihrer Schwester, der Kathedrale in Chartres, die es auf stolze 2500 Quadratmeter bringt. Diese Vielzahl der Fenster hat der vor genau 800 Jahren gebauten Kathedrale den Namen "Die Laterne Gottes" eingetragen. Die Diözese in Metz hat nun zu diesem Anlass ein Jubiläumsjahr ausgerufen, das am 8. Dezember 2019 beginnt und 2020 am selben Tag endet. Die Auftaktveranstaltung am 13. November dieses Jahres, am Tag des Erscheinens dieser Ausgabe, beginnt mit einem musikalischen Lichtspektakel besonderer Art: Vier Tage lang können die Besucher des unweit der deutsch-französischen Grenze gelegenen Ortes künstliche Polarlichter zu sehen bekommen, die sphärischen Klänge dazu liefern 30 Harfinisten des dortigen Konservatoriums. Im nun kommenden Festjahr sind mehr als 200 Veranstaltungen geplant, weitere Konzerte, Ausstellungen, Aufführungen und Konferenzen. Die für ihre Kunstspektakel über Frankreichs Grenzen hinaus bekannte Compagnie Transe Express setzt am 8. Dezember ein eigens für Metz entwickeltes Himmelstheater über der Stadt in Szene.

An sich wäre schon das 42 Meter hohe Gewölbe in einem gotischen Kirchenschiff Sensation genug, wären da nicht im Querhaus auf der linken Seite diese Fenster bedeutender Künstler aus dem 13. bis zum 20. Jahrhundert. Zwei Werke stammen vom Marc Chagall. Zum Jubeljahr wurde nun auch ein neues Fenster in Auftrag gegeben: Ihn erhielt die südkoreanische Künstlerin Kimsooja. Letztlich sind es vielleicht nur noch die Kunstwerke, die anders als viele Doktrinen mit der Zeit gehen. Vor Agnostikern können sie sich jedenfalls immer sehen lassen.

Haben Sie von einer ungewöhnlichen Idee in Ihrer Gemeinde gehört? Bitte schreiben Sie an redaktion@christundwelt.de.