Der Ukrainer Serhij Leschtschenko lebt in Kiew, der Amerikaner Rudolph Giuliani in New York. Der eine gilt neuerdings als Feind Amerikas – der andere ist der Anwalt und Handlanger von US-Präsident Donald Trump. Giuliani hat Serhij Leschtschenkos politische Karriere beendet, noch bevor sie richtig begonnen hat, mit ein paar Worten im Fernsehen. Leschtschenko ist das erste kleine Opfer eines gewaltigen Machtkampfes, dessen letztes Opfer womöglich Trump selbst werden könnte.

Leschtschenko, ein schlaksiger Mann Ende 30, hat lange eine berufliche Zwitterexistenz geführt, teils als investigativer Journalist, teils als Aktivist und Politiker. Er war stellvertretender Chefredakteur einer ukrainischen Online-Zeitung. Als im November 2013 die Bürgerproteste auf dem Maidan gegen den damaligen Präsidenten Viktor Janukowitsch begannen, unterstützte auch Leschtschenko die Proteste. Als einige Monate später Janukowitsch nach Russland floh, wurde Leschtschenko mit einigen anderen Aktivisten ins ukrainische Parlament gewählt. Sie wollten Veränderung, rieben sich aber in den alten Machtstrukturen auf.

Dann, am vergangenen Silvester, beschloss der Unterhalter Wolodymyr Selenskyj, als Präsident zu kandidieren. Leschtschenko fühlte sich von dessen Art und Ideen angesprochen, Selenskyj war wie ein Gegenentwurf zu den politischen Eliten, die alles Vertrauen verspielt hatten. Schnell stieg Leschtschenko zu Selenskyjs Berater auf. Half ihm, sich auf den Kampf mit seinem Gegner vorzubereiten. War dabei, als ausländische Politiker nach Kiew kamen, um den außerhalb der Ukraine völlig unbekannten Kandidaten kennenzulernen. Manche sahen Leschtschenko schon als Minister. Bis Rudolph Giuliani kam.

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Am 10. Mai 2019 sagt Giuliani im US-Sender Fox News, im Umfeld des neu gewählten Präsidenten der Ukraine tummelten sich Feinde von Donald Trump. Feinde Amerikas. Er habe das Land besuchen wollen, es sich aber anders überlegt, denn mit solchen Leuten wolle er nichts zu tun haben. Dann erwähnt er einen Namen: Serhij Leschtschenko. Der habe sich mit einem gefälschten "Schwarzbuch" in den US-Wahlkampf für die Demokraten eingemischt und sei dafür sogar verurteilt worden. Millionen Zuschauer sehen zu, wie Giuliani eine russische Wahleinmischung zu einer ukrainischen umdichtet. Es ist der Moment, der Leschtschenkos Leben verändert.

Das Schwarzbuch gibt es wirklich. Es tauchte 2016 auf, zwei Jahre nachdem Janukowitsch sich abgesetzt hatte. Jedoch deutet nichts darauf hin, dass es eine Fälschung ist. Diese handbeschriebene Kladde half Janukowitsch und seinen Parteifreunden dabei, einen Überblick über ihre illegalen Zahlungen zu behalten. In kyrillischer Schrift sind auf mehreren Hundert Seiten festgehalten: Geldflüsse, Unterschriften, Geschäftspartner.

Einer von ihnen ist Paul Manafort: 12,7 Millionen Dollar waren ihm zwischen 2007 und 2012 zugedacht worden. Manafort ist wie Giuliani ein enger Vertrauter Trumps und einer seiner ersten Wahlkampfmanager. Nach der Veröffentlichung des Schwarzbuchs tritt er zurück. Der Sonderbeauftragte Robert Mueller, der einer russischen Einmischung in den US-Wahlkampf nachgehen soll, ermittelt gegen ihn. Mittlerweile ist Manafort unter anderem wegen Bankbetrugs, Steuerhinterziehung und Geldwäsche zu siebeneinhalb Jahren Haft verurteilt worden.

Damals ist es Serhij Leschtschenko, der die Vorwürfe in die Schlagzeilen bringt. Er macht sich zum Gesicht der Enthüllungen. Drei Jahre später wird Giuliani dieses Gesicht für seine Schmutzkampagne gegen die Ukraine benutzen. Rechtskräftig verurteilt wurde Leschtschenko, anders als Giuliani behauptet, nie für die angebliche Einmischung in den amerikanischen Wahlkampf. Es gab zwar ein Urteil eines berüchtigten Kiewer Bezirksgerichts – das aber wurde von einem Appellationsgericht kassiert.