Wenn auch die Klage, alles werde schlechter, zu den Konstanten einer Geschichte gehört, in der sich nahezu alles verändert, so haben die Untergangsfantasien und das allgemeine Niedergangsgerede doch in den letzten Jahren eine neue Qualität erhalten. Die Angst vor dem Abstieg ist so allgegenwärtig, dass der nervöse Blick regelmäßig auf die Zwanziger- und frühen Dreißigerjahre fällt: "Weimar" soll wieder als Folie für eine aktuelle Krisenbeschreibung taugen.

In ihrer neuen politischen Streitschrift Abschied vom Abstieg erteilen Herfried und Marina Münkler diesem Deutungsnarrativ unserer Gegenwart eine klare Absage: Wer sich, so die Autoren, der großen Angsterzählung und den bewusst in Umlauf gebrachten Untergangsszenarien anschließe, stoße den Keil nur noch tiefer in die Gesellschaft hinein, der heute gerade von Rechtspopulisten in den öffentlichen Diskurs getrieben werde.

Erzählungen wirken wie Katalysatoren. Einmal in der Welt, können sie nicht widerlegt werden. Jeder Widerlegungsversuch senkt nur die Aktivierungsenergie und erhöht die Reagibilität. Resignation oder hektischer Alarmismus sind die Folgen. Der Abschied vom Abstieg bedeutet für die Münklers deshalb: verzichten auf das gegenwärtig dominierende Narrativ, das sich zu einer veritablen Bedrohung für Demokratie und Rechtsstaat ausgewachsen habe. Es behauptet den Niedergang vorgeblich christlich-abendländischer Werte; es behauptet den Abstieg der Mittelschichten in dauerhafte Prekarität, den unaufhaltsamen ökonomischen Abstieg Deutschlands und Europas.

Als eine Agenda für Deutschland bezeichnen die Münklers im Untertitel ihr Buch: Es soll eine Gegenerzählung sein, in der die gesellschaftliche Mitte wieder ins Zentrum der politischen Anstrengungen rückt. Ob Bildung, Demokratie oder Europa: Auf allen Politikfeldern versuchen die Autoren, der drohenden Spaltung des Landes eine positive Erzählung vom Gemeinsinn entgegenzuhalten. Die soll das Auseinanderdriften der Gesellschaft, die Polarisierung der politischen Landschaft, den unversöhnlichen Konflikt verschiedener Lebensstile und Wertvorstellungen verhindern. Schon vor drei Jahren hatte das Professoren-Ehepaar mit Die neuen Deutschen den Versuch gewagt, dem aus seiner Behaglichkeit gerissenen Land die mentale Mitte wiederzugeben. Die "neuen Deutschen", das waren nicht nur Geflüchtete aus Syrien, Afghanistan und Irak. Alle Deutschen, auch die Alteingesessenen, waren gemeint, weil jeder sich nach dem großen Umbruch von 2015 verändern musste.

An dieser Stelle setzt auch das neue Buch an. Die Mitte ist dort, wo die Bereitschaft zur sozialen Verbindlichkeit, zu offenem Diskurs und ständigen Reformen den Raum für solche Erzählungen eröffnet, die gerade nicht vom verdüsterten Blick auf die Gegenwart, von Ängstlichkeit und Resignation, Missmut oder Zorn verstellt sind.

Im Bildungssektor sympathisieren die Münklers – man höre und staune – mit dem eingliedrigen Schulsystem der DDR, der Aufteilung in eine zehnklassige Polytechnische Oberschule (POS) und eine zum Abitur weiterführende Erweiterte Oberschule (EOS). Das Stichwort lautet: weniger Segregation, mehr Homogenität – ein Ansatz, der gerade in einer sozial sehr viel heterogeneren Gesellschaft wie jener der Bundesrepublik bei der Abwicklung des Bildungssystems der DDR zu bedenken gewesen wäre.

Ähnlich argumentieren die Autoren im Bereich der Sozialpolitik: Auch hier gehe es darum, die Spaltung des gesellschaftlichen Zentrums in eine obere und untere Mitte zu verhindern. Wenn es nach den Münklers geht, soll nicht mehr der Grundsatz der Gerechtigkeit für die öffentliche Hand leitend sein. Der Wohlfahrtsstaat habe sich am alten republikanischen Leitbegriff des Gemeinwohls zu orientieren, er solle sicherstellen, dass Partikularinteressen zuallererst im Dienst der Allgemeinheit stehen. Europapolitisch geht es hier um strategische Partnerschaften in einer zukünftigen globalen Pentarchie.

Vorwärts mit Gemeinsinn © Rowohlt Berlin

So viel gemeinsamer Gestaltungswille ist gut gemeint. Die Frage ist nur, ob das ungebrochene Vertrauen auf eine stabile Mitte der bundesrepublikanischen Realität des Jahres 2019 noch gerecht wird. Wenn die Europawahl und die drei Landtagswahlen in Sachsen, Brandenburg und Thüringen eines gezeigt haben, dann doch, dass die gesellschaftliche Mitte, die die Münklers so gern zum "Angelpunkt für den Zusammenhalt der gesamten Gesellschaft" machen würden, zutiefst porös geworden ist, sich zumindest in einem gewaltigen Transformationsprozess befindet, mit unabsehbarem Ausgang.

Die Polarisierung des öffentlichen Diskurses von rechts ist dabei nicht einmal die entscheidende Frage. Das Hauptproblem der Parteien besteht darin, dass nicht selten der programmatische Hut fehlt, unter dem die ihnen traditionell verbundenen Wählerklientelen noch zusammenkommen können. Interessenlagen, Wertpräferenzen und Zukunftsvorstellungen sind zu oft zu verschieden. Mal ist die Mitte hier, dann dort, dann bricht sie ganz weg. Am Ende ist das auch nur eine der Erzählungen, die sich mit ausreichend Zuversicht und Münklerschem Zukunftswillen verabschieden lassen.

Marina und Herfried Münkler: Abschied vom Abstieg. Eine Agenda für Deutschland; Rowohlt Berlin, Berlin 2019; 512 S., 24,– €,  als E-Book 19,99 €