Wir Sortiermaschinen – Seite 1

Mindestens achtzigmal am Tag streichelt ein Jugendlicher sein Smartphone, und mindestens einmal im Monat erscheint das Buch eines sorgenvollen Soziologen über Jugendliche, die pausenlos auf ihr Endgerät starren. Was haben die beiden gemeinsam? Beide beschäftigen sich mit digitalen Phänomenen, und während der User seinen Spaß hat, stimmt der Soziologe einen Klagegesang über Selbstoptimierung, Überwachungskapitalismus und andere böse Dinge an. Doch beide verwechseln etwas: Sie verwechseln die digitale Technik mit dem Wesen der Digitalisierung. Höchste Zeit, sie über ihren Irrtum aufzuklären.

Armin Nassehi ist der Aufklärer, der diesen ebenso brillanten wie provozierenden Schachzug macht und dabei behauptet, eine Theorie der digitalen Gesellschaft zu liefern, die sich nicht bloß mit deren hässlichen Begleiterscheinungen wie Datenkraken und Tech-Monopolen aufhält, sondern die der Digitalisierung direkt ins Herz blickt. Und was sieht sie dann? Sie sieht etwas Altes und Vertrautes, sie sieht, dass die Logik des Digitalen, also das Prinzip der Mustererkennung, schon lange unser Leben bestimmt, noch bevor es überhaupt Computer gab. Kurz gesagt: Wenn die Digitalisierung nicht perfekt "zu dieser Gesellschaft passen würde, wäre sie nie entstanden oder längst wieder verschwunden".

Der in München lehrende Soziologe ist Systemtheoretiker, und das heißt: Für Nassehi besteht die Gesellschaft aus Funktionssystemen, die Informationen verarbeiten, Muster testen und Regelmäßigkeiten erzeugen. Weil Wirtschaft, Politik, Recht, Kultur, Medien das auf eine Weise tun, die starke Ähnlichkeit mit einem Computer aufweist, tritt uns in der Digitalisierung die Struktur der modernen Gesellschaft in schockierender Reinform entgegen und konfrontiert uns mit der "brutalen Alternativlosigkeit" unserer eigenen Codes. Die Digitalisierung ist kein "Fremdkörper. Sie ist Fleisch vom Fleisch der Gesellschaft".

Nassehis Pointe kann man sich gar nicht oft genug auf der Zunge zergehen lassen, denn sie lautet: Wer die Digitalisierung bekämpft, der bekämpft die Funktionslogik der modernen Gesellschaft. Denn Big Data gibt es seit dem 18. Jahrhundert, schon damals begannen Verwaltungsfachleute, die Welt zu vermessen und menschliches Verhalten zu rastern, weshalb die heutigen Datensammler nur das zur Perfektion bringen, was ihre Kollegen vor 200 Jahren begonnen haben: Sie erfinden Klassifizierungssysteme, um das Gemeinwesen zu beobachten und verborgene Muster und Regelmäßigkeiten zu erkennen, vom Paarungsverhalten bis zur Berufswahl. Dank der Digitalisierung entdecken wir das Betriebsgeheimnis der Gesellschaft nun zum dritten Mal. Zum ersten Mal geschah es zur Zeit der Aufklärung und der Französischen Revolution, dann in den Liberalisierungsschüben des19. Jahrhunderts.

Nassehis Buch ist blendend geschrieben, stellenweise funkelnd polemisch, nie grimmig, mit fein ziseliertem Spott über das Panikorchester kritischer Kollegen, die sich die Gesellschaft als "konsentierten Raum" vorstellen und Tränen über die Vermessung der Welt vergießen. Für Nassehi ist das unergiebig, jedenfalls solange man nicht verstanden habe, dass der Computer nur fortsetzt, was der Buchdruck begonnen hat: Die Digitalisierung verdoppelt die Welt, diesmal nicht in Buchstaben, sondern in Daten. Damit wird die Welt noch einmal abstrakter. Wir bekommen sie nicht mehr direkt zu greifen, sondern nur noch als Spur einer Spur, eben als Datensatz. Dieser enthält nicht das reale Außen der Welt, sondern lediglich die Welt "in ihrer Datenförmigkeit".

Etwas wohlmeinend Therapeutisches

Diese These ist ausgesprochen waghalsig und wird den größten Widerspruch hervorrufen. Demnach ist die Digitalisierung nicht nur ein Medium der Gesellschaft, sondern selbst ein System, das sich, getrieben von der technischen Evolution, immer weiter schließt. Das ist der Grund, warum sich die Zeichen, die in der Gesellschaft zirkulieren, sukzessive vom Bezeichneten entfernen, bis sie eines Tages nur noch auf sich selbst verweisen. Das erinnert an Spielbergs Film Ready Player One, in dem die Realität fast vollständig digital erzeugt wird. Doch es gibt einen Rest – es ist der totale soziale Verfall.

Interessant ist, wie oft Nassehi den Philosophen Martin Heidegger zitiert. Zum einen, weil dieser in einer klaren Schwarzwälder Nacht schon früh die kybernetisch-digitale Revolution hat heraufziehen sehen. Zum anderen, weil Nassehi Geschmack an dessen Gedanken findet, der Gebrauch der Technik verstelle die Erkenntnis ihres Wesens: Alle reden über Digitalisierung und sind doch "digitalisierungsvergessen". Gar nichts anfangen kann er dagegen mit Heideggers Befürchtung, die Computertechnik werde die bedeutungsschaffende und weltentwerfende Dimension menschlicher Sprache überflüssig machen. Für Nassehi ist das antiquierte Kulturkritik, die nicht wahrhaben will, dass die Sprache in erster Linie der Informationsverarbeitung dient und Gründe und Normen letzten Endes auch nur eine Form der Mustererkennung sind. So wäre Nassehis Mustermensch eine Art Sortiermaschine – ein hochtrainierter Scanner, der mit digitaler Technik jene Probleme löst, die in der Evolution nun mal so anfallen. Hauptsache, der Mustermensch passt sich artig an. Die Schmerzen, die dabei entstehen, müssen leider ausgehalten werden.

Nassehi ist kein Gesundbeter. Er sieht die gespenstische Macht der Datenkraken und die Gefahr, dass die Öffentlichkeit manipuliert wird oder die Digitalisierung vertraute Arbeitswelten zerstört. Doch seine Bedrohungsanalyse fällt denkbar knapp aus und wirkt zuweilen seltsam heruntergedimmt. Dass die Entwicklung von Algorithmen nicht neutral, sondern macht- und interessengesteuert ist; dass Tech-Konzerne den Kapitalismus tief ins Innerste des Subjekts treiben, wo sie intimste Regungen abgreifen und als Datensätze zwecks Verhaltenssteuerung weiterverkaufen – dieses historisch Neue und Ungeheure erreicht Nassehi nicht wirklich. Klar, hier müsse man Grenzen setzen; andererseits, gibt er zu bedenken, sei bereits die bürgerliche Lesekultur ein Abrichtungsunternehmen gewesen, "eine neoliberale Welt der Selbstoptimierung avant la lettre." Wen soll das beruhigen?

Bei aller kühlen intellektuellen Brillanz hat Nassehis Studie etwas wohlmeinend Therapeutisches, sie stillt einen Trostbedarf. In vollem terminologischem Ornat schaut der Autor vom Himmel der Theorie auf die verunsicherten irdischen Schäfchen, die sich im Datennebel verirrt haben und nicht erkennen können, dass hinter all dem digitalen Chaos ganz viel Ordnung ist. Freundlich mahnt der gute Hirte zur Gelassenheit, er organisiert Systemvertrauen und versichert: "Die moderne Gesellschaft ist nicht das Ende einer Ordnung, sie generiert Ordnungen in nie da gewesener Form."

Aus solchen Sätzen spricht eine sympathische Verunsicherung, ganz so, als spüre Nassehi, dass Gesellschaften nicht zwingend dem Fahrplan folgen, den die Theorie der funktionalen Differenzierung für sie vorgesehen hat. Jedenfalls muss er einräumen, dass die Grenzen "zwischen politischen, staatlichen und ökonomischen Akteuren verschwimmen", und natürlich weiß er, dass die digitale Mustererkennung bei der Überwachung widerständiger Bürger perfide Dienste tut. Überraschend für einen Systemtheoretiker ist auch das Eingeständnis, der Markt registriere seine Erfolge nur ökonomisch, was nichts anderes heißt als: Der Kapitalismus ist blind für sein Außen, für die Natur. Deshalb müsse das System schonend umgebaut werden, doch ohne Digitalisierung werde das nicht gelingen. Wer will ihm darin widersprechen?

Armin Nassehi: Muster. Theorie der digitalen Gesellschaft; C. H. Beck, München 2019;  354 S., 26,– €,  als E-Book 20,99 €