Die Breaking News aus Japan ploppen kurz vor acht Uhr morgens auf den Handys der BKW-Manager auf. Am 11. März 2011 sitzt die Konzernleitung des Berner Energieunternehmens in einem Meeting mit ihrem Verwaltungsrat. Produktionschef Hermann Ineichen stellt gerade das Projekt für ein neues Atomkraftwerk vor. Es soll in Mühleberg den Reaktor ersetzen, den die Bernischen Kraftwerke vor 40 Jahren ans Aareufer gebaut hatten. Da löst die Flutwelle eines Tsunamis im AKW Fukushima einen Super-GAU aus.

Am Ende der Sitzung ahnen die BKW-Kader: Die dramatischen Ereignisse im fernen Japan könnten ihre AKW-Pläne durchkreuzen.

Nur drei Tage später sistiert das Departement der damaligen CVP-Energieministerin Doris Leuthard alle neuen Atomkraftprojekte in der Schweiz für unbestimmte Zeit.

"Uns war sofort klar", erinnert sich Urs Gasche, der Verwaltungsratspräsident der BKW, "dass damit ein neues AKW Mühleberg vom Tisch ist. Wir haben das Projekt gestoppt."

Der Unfall von Fukushima und die Schockwellen, die er auslöst, erreichen nicht nur die BKW-Zentrale am Viktoriaplatz in Bern, sondern auch das Bundeshaus. In der Schweizer Energiepolitik wird konkret, was noch kurz zuvor undenkbar gewesen wäre: der Ausstieg aus der Atomenergie.

In einem Monat, am 20. Dezember wird das Schweizer Fernsehen live dabei sein, wenn Operateure um 12.30 Uhr im Kontrollraum des AKWs Mühleberg die zwei roten Abstellknöpfe drücken und das erste Atomkraftwerk der Schweiz vom Netz nehmen.

Am 11. März 2011 spricht noch niemand vom Atomausstieg. Martin Saxer, der stellvertretende Leiter in Mühleberg, ist auf der Rückfahrt von einem Skitag, als ihn seine Kollegen anrufen und über die Katastrophe in Japan informieren.

"Da wird etwas abgehen", sei ihm damals durch den Kopf gegangen, sagt Saxer. Die Reaktoren von Fukushima sind ähnlich konstruiert wie jener von Mühleberg. Kein Wunder also, dass ihn seine Mitarbeiter mit der Frage bedrängen: Könnte das auch bei uns passieren? Saxer erzählt, wie sie nach dem 11. März einen "Ereignisstab" gegründet und dafür ein Büro geräumt haben. Die 80 Leute, die für die Planung des Nachfolge-Atomkraftwerks eingestellt worden waren, analysieren nun den Realität gewordenen schlimmstmöglichen Zwischenfall.

Am 22. März 2011 besetzen Atomkraftgegner die Rasenfläche vor dem BKW-Hauptsitz in Bern. Sie schlagen ihre Zelte auf, halten Protestpicknicks und bleiben drei Monate lang – dann lässt die Stadtregierung das Camp räumen.

Kurz darauf verlangt das eidgenössische Nuklear-Sicherheitsinspektorat Ensi von den Atomkraftwerksbetreibern neuerliche Sicherheitsnachweise gegen Erdbeben und Überflutungen. Die BKW ist gefordert. Wenige Kilometer aareaufwärts von Mühleberg entfernt steht ein 100 Jahre alter Damm. Er staut den Wohlensee. Bricht die Sperre, etwa nach einem Erdbeben, würde eine Flutwelle das AKW gefährden.