DIE ZEIT: Herr Arndt, die internationalen Medien berichten seit einigen Tagen von verheerenden Buschfeuern in Australien. Wie erleben Sie die Situation vor Ort?

Stefan Arndt: Auch hierzulande sind die Brände in den Medien sehr präsent. Für mich fühlen sich diese Nachrichten allerdings völlig surreal an. Melbourne, wo ich lebe, ist momentan noch nicht betroffen. Hier ist es mit 15 Grad angenehm kühl und sogar feucht. Die Buschfeuer wüten ja vor allem im Südosten an der Küste um Sydney und Brisbane. Aber bei den Bildern kommen bei mir, wie auch bei fast jedem Australier, Erinnerungen an eigene Erfahrungen hoch. Wie es ist, wenn eine 50, 60 Meter hohe Feuerwand durch die eigene Nachbarschaft walzt, kann man sich in Deutschland zum Glück gar nicht vorstellen. Auch wenn die Feuer sicher noch eine Weile andauern werden, scheinen die Menschen mit der Situation einigermaßen zurechtzukommen. Die Leute in der Region waren nicht unvorbereitet.

ZEIT: Es ist also nicht ungewöhnlich, dass es jetzt im australischen Frühling brennt?

Arndt: Na ja, 90 Prozent der Feuer Australiens brennen in der Savanne im Inland – fernab jeglicher Ortschaften. Die Savannenfeuer sind Teil der Kultur der Aborigines oder entstehen durch Blitze bei Trockengewittern. Dass Waldbrände auf die Küstenregionen übergreifen und eben auch Großstädte treffen, passiert immer wieder und lässt sich kaum verhindern. Dass es jetzt im Frühling brennt, hängt mit der langen Trockenheit an der Ostküste zusammen und dem extrem trockenen Winter. Durch Regen in vergangenen Jahren sammelt sich viel Unterholz in den Wäldern, das in langen Trockenperioden austrocknet, dadurch haben die Feuer Nahrung und können bei entsprechenden Winden an die Küsten drängen. Es ist allerdings schon so, dass es in Australien in den letzten Jahren häufiger gebrannt hat.

ZEIT: Ein Resultat des Klimawandels?

Arndt: Absolut! Daran zweifelt in Australien fast niemand. Bereits seit den 1960er-Jahren berechnen wir hierzulande einen Gefahrenindex für Waldbrände, den Forest Fire Danger Index. 50 von 70 Tagen mit den höchsten Werten, die in der ganzen Zeit gemessen wurden, traten nach dem Jahr 2000 auf.

ZEIT: Sie sagten, dass Waldbrände auch in den Küstenregionen bereits jetzt nichts Ungewöhnliches sind. Bedeutet eine weitere Zunahme dieser Feuer, dass Australien irgendwann unbewohnbar sein wird?

Klimanotfall - "Wenn es so weiterläuft, steht die Welt in Flammen" Wann begreift die Welt den Klimanotfall? Wir haben fünf Forscher gefragt, wie es sich anfühlt, wenn ihre Warnungen verpuffen. Im Video sprechen sie über ihre Emotionen. © Foto: Sven Wolters

Arndt: Dass das Wetter immer extremer wird, ist ein Problem für das Land – nicht so sehr, weil dadurch Wälder brennen, damit kann man umgehen. Kritisch wird die zunehmende Intensität und Häufigkeit von Hitzewellen sein. Das sind regelrechte Killer – vor allem für alte und kranke Menschen. Extreme Hitze ist viel gefährlicher als Waldbrände. Das kann man an Zahlen belegen. In Melbourne gab es etwa 2009 eine massive Hitzeperiode, die auch Brände nach sich zog. An den Folgen der Hitze starben jedoch zehnmal mehr Leute als durch die Feuer.

ZEIT: Welche Konsequenzen werden aus der Situation gezogen?

Arndt: Ich war diese Woche auf einer Konferenz des Climate Council, eines Zusammenschlusses der führenden australischen Klimaforscher. Ein Großteil von ihnen hat sich Liegenschaften in Tasmanien, einer Insel im Süden des Landes, gekauft. Das wird der Standort sein, wo man in der Zukunft noch am besten leben kann. Die meisten Forscher machen da Witze drüber, aber es hat definitiv einen ernsten Hintergrund.

ZEIT: Sie leben seit 18 Jahren in Australien. Merken Sie persönlich, dass sich das Klima verändert?

Arndt: Der Klimawandel ist ja deswegen so tückisch, weil man ihn selbst kaum direkt wahrnehmen kann. Als ich 2001 nach Australien zog, waren die ersten zehn Jahre von extremer Trockenheit geprägt. In der Zeit brannte etwa um Melbourne so viel Waldfläche ab wie in den ganzen 50 Jahren davor. Die Bauern litten unter der Dürre. Damals sagte die Bevölkerung in Umfragen, der Klimawandel sei eines der wichtigsten Themen. In den letzten Jahren wiederum war das Wetter hier weniger extrem. Da verschwindet der Klimawandel dann wieder ganz schnell aus den Köpfen. So wurde sogar eine Regierung wiedergewählt, die den Klimawandel völlig ignoriert, auf fossile Brennstoffe setzt und erneuerbare Energien kaum fördert. Feuer und Dürre, wie jetzt gerade, können die Einstellung der Menschen dann aber wieder ändern.