Die Zeitmaschine von La Paz – Seite 1

Mindestens 23 Tote haben die Behörden gezählt, seit der bolivianische Präsident Evo Morales vor zehn Tagen aus dem Amt geputscht worden ist. Morales-Anhänger, Morales-Gegner und Sicherheitskräfte stoßen weiter im ganzen Land zusammen. In Bolivien kann man sich derzeit wie in einer Zeitmaschine fühlen – die atemberaubend schnell in die Vergangenheit rast.

Gleich nach dem Präsidentensturz sah es um den Regierungssitz in La Paz herum so aus wie in den Sechzigerjahren. Wieder marschierten Soldaten und andere Sicherheitskräfte in den Straßen und gingen teils brutal gegen Demonstranten vor – wie in der Ära der autoritären Juntas in Südamerika. Präsident Morales hatte sich da schon nach Mexiko abgesetzt. Gerade war er in einer Wahl zwar im Amt bestätigt worden, aber dann kamen Zweifel an der Rechtmäßigkeit der Auszählung auf. Der Streitkräftechef "empfahl" Morales zurückzutreten.

Wenige Tage später schon schien es, als sei die Zeitmaschine nach circa 1492 zurückgereist. Soldaten rissen von ihren Uniformen Abzeichen herunter, die die indigene Bevölkerungsmehrheit des Landes symbolisieren. Die auf umstrittene Weise eingesetzte Übergangspräsidentin Jeanine Áñez zog mit einer riesigen Bibel in den Armen in den Regierungspalast ein. Wie zu Zeiten der spanischen conquista war jetzt die Rede davon, dass nicht nur der abgesetzte Präsident Morales – der indigener Herkunft ist – vertrieben würde, sondern gleich auch seine heidnischen "Dämonen".

Um 2015 herum hatte der Trend begonnen, linke Regierungen abzusetzen

Warum passiert so etwas in Bolivien? Schon um 2015 herum hatte in mehreren Ländern Südamerikas der Trend begonnen, linke Regierungen abzusetzen. Von Land zu Land lief das unterschiedlich ab: In Argentinien etwa gewann 2015 der wirtschaftsfreundliche Konservative Mauricio Macri demokratische Wahlen – und durfte immerhin eine Amtszeit lang regieren. In Brasilien wurde 2016 durch ein juristisches Intrigenspiel die linke Präsidentin Dilma Rousseff aus dem Amt gejagt, in Ecuador entpuppte sich der Linkskandidat Lenín Moreno im Amt als ein Mitte-rechts-Politiker.

All diese Fälle hatten viel mit wirtschaftlicher Enttäuschung zu tun: Jahrelang waren linke Regierungen in der Region recht beliebt gewesen, weil sie von einem außergewöhnlichen regionalen Rohstoffboom profitierten. So konnten sie damals großzügige Sozialprogramme finanzieren. Doch inzwischen sind die Rohstoffpreise gefallen, und der Boom ist vorbei.

Ausgerechnet in Bolivien aber kam der große Abschwung nie. Während in Nachbarländern wie Brasilien die Wirtschaft sogar schrumpfte, legte das Wachstum in Bolivien zu: in den vergangenen zwei Jahren zum Beispiel um jeweils mehr als vier Prozent.

Dass es Bolivien so vergleichsweise gut ging, hatte mehrere Ursachen – auch eine räuberische Abholzungspolitik in den Amazonasgebieten gehörte dazu. Viel aber hatte mit einem erstaunlich ausgewogenen Wirtschaftsmanagement durch Morales zu tun. Anders als radikale linke Staatschefs wie Nicolás Maduro in Venezuela oder Cristina Fernández de Kirchner in Argentinien ließ sich der frühere Koka-Bauer Morales nicht zu wilden Experimenten hinreißen und hielt die Volkswirtschaft zusammen.

Morales hatte erkannt, dass er irgendwie mit einer tiefen Spaltung des Staates in Land und Stadt, Arm und Reich umgehen musste. Er verstand sich darauf, Sozialprogramme zugunsten der Armen aufzulegen, und sah sie zugleich als Wirtschaftspolitik: Sie steigerten die Kaufkraft und belebten den Binnenmarkt. Einige der besten Programme von Morales schafften sozialen Ausgleich auf sanfte Art.

Die alten Eliten sind wieder dran

Statt sich zum Beispiel frontal mit dem mächtigen Agrarbusiness anzulegen, das Kleinbauern durch kartellartige Preisdrückerei ihrer Existenzgrundlage beraubte, richtete Morales gleich in seinem ersten Amtsjahr eine staatliche Einkaufsgesellschaft ein. Sie nahm den Kleinbauern zu fairen Preisen Reis, Weizen, Soja oder Mais ab und zwang damit auch indirekt die großen Agrareinkäufer zu mehr Fairness.

Wenn ein Ladenbesitzer seine Angestellten fair bezahlte, kam Vertriebshilfe vom Staat

Oder: 2013 schuf die Morales-Regierung ein Gesetz, das Ladenbesitzern ein staatlich begünstigtes Vermarktungsnetzwerk anbot – falls sie sich auf die bevorzugte Vermarktung lokaler Produkte einließen und ihre Angestellten fair bezahlten. Viele Einzelhändler beteiligten sich schließlich freiwillig an dem Programm, denn die Handy-App dieses Vermarktungsnetzwerkes war gut gemacht, populär und bot ein eingebautes Bezahlungssystem.

Derartige einfallsreiche Vorzeigestücke aus dem Evo-Morales-Sozialismus waren aber nie die ganze Geschichte. Von Beginn an legte sich der Präsident an vielen Fronten doch mit den alten Eliten an: mit Industriellen, Rohstoffunternehmern und Großlandwirten. Einige wurden enteignet. Und die früher Benachteiligten legten vielfach einen unangenehmen Triumphalismus an den Tag. So brachte der anfangs hochpopuläre Morales jene gegen sich auf, die sich stets als die natürlichen Machthaber gesehen hatten.

Das erlebten viele Oppositionelle persönlich oder in ihrer Familie, und später fingen sie an, Massenproteste gegen den unbeliebter gewordenen Morales zu organisieren. Sie sind es auch, die hinter seinem militärgestützten Sturz standen. So etwa der Oppositionsführer Luis Fernando Camacho, ein Millionär und christlicher Fundamentalist, dessen Familie unter anderem im Gasgeschäft reich geworden ist.

Leute wie Camacho sehen sich schon länger als die Rächer der Enteigneten im Land. Sie unterhalten oft enge Kontakte in faschistische paramilitärische Gruppen, die gewaltsam Jagd auf Linke, Indigene und Landrechtekämpfer machen. Zuletzt hatten sie mehr und mehr an Boden gewonnen, und Morales selbst agierte immer autoritärer, um sich an der Macht zu halten.

Damit ist jetzt Schluss. Zu einer künftigen Wahl, die noch ausgerufen werden soll, wird Morales kaum antreten können. Die alten Eliten sind wieder dran.