Mitten in der rauen Natur lauert die Touristenfalle. Eine cozy cabin in den Catskill Mountains habe ich im Internet gebucht – und nun bin ich hier, in einem muffigen Holzverschlag mit schiefen Böden und undichten Fenstern und versuche, den Heizlüfter anzustellen. Vergeblich. Ein später Abend im Herbst, draußen prasselt der Regen aufs Wellblechdach. Drinnen kriecht die Feuchtigkeit bis ins Bett. Ich wickle mich in die klamme Steppdecke ein und ärgere mich. So habe ich mir die Catskills nicht vorgestellt.

Die Berge hier, sie sind schon seit Jahrhunderten ein Sehnsuchtsort. Bekannt wurde die Region zwei Autostunden nördlich von New York City durch die Werke der Hudson River School. Amerikanische Landschaftsmaler wie Thomas Cole hielten Anfang des 19. Jahrhunderts die Wucht der Wildnis fest: spitze Felsen in warmem Licht, dramatische Wasserfälle in stillen Wäldern. Auf den Bildern löst die Natur widersprüchliche Gefühle aus, sie wirkt unberechenbar und unwiderstehlich zugleich. Heute lebt die Magie der Catskills auf Instagram wieder auf. Fotos zeigen einsame Designerhütten im Wald, das Bett ist Maßarbeit und passt perfekt vors Panoramafenster, die weiße Leinenbettwäsche bietet einen schönen Kontrast zum schwarzen Kamin. So hatte ich mir die Catskills vorgestellt.

Als der Morgen anbricht, reise ich aus meiner Hütte ab. Die rot-goldenen Blätter der Bäume funkeln im Tau. Die Luft riecht nach nassem Laub und Herbst. Fast drei Stunden dauert die Fahrt durch hügelige Wälder, zwischen denen manchmal eine kleine Stadt, öfter aber nur ein verlassenes Holzhaus auftaucht. Hier und da blitzt die Sonne zwischen den Baumkronen hindurch. Rehe massig wie Hirschböcke kreuzen die Straße. Im Autoradio höre ich eine überdrehte Mischung aus Techno und Trap, einen stampfenden, pochenden Rhythmus, der irgendwie zur Landschaft passt, Baum, Baum, Baum, Kurve, Felsen, Bach, Brücke, Kurve, Baum, Baum, Baum. In der ständigen Wiederholung geht jedes Zeitgefühl verloren.

Im Nachmittagslicht erreiche ich ein verstecktes Tal im Nordwesten. Hier liegt Bovina Center: weiß gestrichene Holzhäuser mit Schaukelstuhl und USA-Flagge auf der Veranda, eine kleine, ebenfalls weiße Kirche. Und ein einzelnes Gebäude mit schwarzer Fassade und Panoramafenstern, größer und mondäner als alle übrigen.

"Heute erzählst du mal, wie wir hier gelandet sind", sagt Sara Zandi zu ihrem Ehemann Sohail, als wir drinnen im Brushland Eating House an einem der wuchtigen Holztische sitzen. Sara, 32 Jahre, mit Wollpulli, Jeans und Birkenstock-Sandalen, und Sohail, 35 Jahre, Dreitagebart, Tattoos auf dem Arm und Spritzer weißer Farbe auf dem Shirt, sind vor drei Jahren aus Brooklyn hierhergezogen. Auf einem Wochenendtrip kamen sie zufällig nach Bovina Center. "Hier gab es nichts als Natur, ein paar Häuser und die fantastische Stille", sagt Sohail. "Dann entdeckten wir plötzlich dieses leer stehende Postgebäude aus der Siedlerzeit." Der ideale Ort, um das Restaurant zu eröffnen, von dem sie schon lange geträumt hatten. Heute stehen gegrillter Blumenkohl mit Pancetta und Schweineschnitzel mit Gemüse in Buttermilch auf der Karte – Gerichte, wie es sie auch in Brooklyn gäbe, aber mit regionalen Zutaten. Und das Brushland Eating House hat sich bis nach New York herumgesprochen.

Man kann sagen, dass die Zandis zum richtigen Zeitpunkt gekommen sind. Die Catskills haben bewegte Jahrzehnte hinter sich: Anfang des 20. Jahrhunderts entstanden hier gigantische Hotelanlagen mit mehreren Hundert Zimmern. Vor allem jüdische Einwanderer machten dort Ferien, in eigenen Resorthotels mit koscherer All-inclusive-Verpflegung, Sportprogramm und Abendveranstaltungen – Vorbilder für den modernen Cluburlaub. Ende der 1960er-Jahre aber, als die Flugpreise günstiger wurden, verebbte der Andrang. Die Hotels verfielen, und die Häuserpreise sanken. Bis jetzt.

Heute kaufen immer mehr New Yorker in den Catskills ein Wochenendhaus, die Immobilienpreise sind in den vergangenen Jahren entsprechend gestiegen. Mehr als zehn neue Hotels haben hier eröffnet, vor allem im Hunter-Tal und rings um das Städtchen Woodstock, keine großen Anlagen allerdings, sondern Farmhouses, Eco-Lodges und Tiny Houses.

Da ist etwa die Scribner’s Catskill Lodge, geschlossen in den 1980ern und 2016 neu eröffnet: Als ich das am Hang gebaute Anwesen mit Blick auf das Hunte-Tal und die Gipfel der Berge gegenüber am späten Abend erreiche, ist der Außenpool beleuchtet, im Garten brennt ein Lagerfeuer. Das holzvertäfelte Foyer riecht nach Pinien und Lavendel, im Kamin lodert ein weiteres Feuer.