Jede Woche stellen wir Politikern und Prominenten die stets selben 30 Fragen, um zu erfahren, was sie als politische Menschen ausmacht – und wie sie dazu wurden. Und wo sich neue Fragen ergeben, haken wir nach. Die Nachfragen setzen wir kursiv.

1. Welches Tier ist das politischste?

Der Löwe. Seine Kraft und seine Energie wünsche ich jedem Politiker.

2. Welcher politische Moment hat Sie geprägt – außer dem Kniefall von Willy Brandt?

Die Gründung der Bundesrepublik Deutschland 1949. Mein Vertrauen in diese Zukunft, die da auf dem Papier stand, war sehr klein. Wenn man sich das Land nach der Befreiung angesehen hat, das Ausmaß der Zerstörung, die Menschen, dann war man einfach erst einmal nicht in der Lage, daran zu glauben. Das große Versprechen von Demokratie und Freiheit war für mich damals sehr unrealistisch. Ich habe mich geirrt.

3. Was ist Ihre erste Erinnerung an Politik?

Meine ganze Kindheit war von Politik geprägt, aber ich sah das nicht als Politik, das war das Leben. Meine Mutter war für meinen Vater dem Judentum beigetreten und hat sich wohl unter dem Druck 1936 getrennt und uns verlassen. Meine Großmutter wurde in Theresienstadt ermordet, sie war für mich mein Leben. Wenn man das erlebt hat, hat man den Glauben erst mal verloren.

Sie waren sechs Jahre alt, als Sie in München die Novemberpogrome erlebt haben. Sie haben einmal beschrieben, wie Sie an der Hand Ihres Vaters die Synagoge brennen sahen. War Ihnen als Kind damals bewusst, was gerade passiert?

Die ganze politische Tragweite war mir mit meinen sechs Jahren natürlich nicht klar. Aber Kinder haben ein sehr feines Gespür dafür, was um sie herum passiert, und ich habe gesehen, dass Gebäude brannten, dass Scheiben eingeworfen und Menschen verprügelt wurden, auch Menschen, die ich kannte. Auch mein Vater war verständlicherweise äußerst angespannt, und auch so etwas bemerkt ein Kind sofort.

4. Wann und warum haben Sie wegen Politik geweint?

Nach Ignatz Bubis’ Tod im Jahr 1999. Er war einer der großen jüdischen Politiker der Nachkriegszeit. Er hat so viele Themen mit Bravour gemeistert, und er hat das Miteinander von Juden und Nichtjuden in diesem Land so maßgeblich positiv beeinflusst. Als er starb, wusste ich nicht: Wie soll man das weiterführen ohne ihn? Geht das überhaupt? Ich habe es dann zusammen mit anderen versucht.

5. Haben Sie eine Überzeugung, die sich mit den gesellschaftlichen Konventionen nicht verträgt?

Eigentlich dachte ich immer, nein. Nun hat sich die Welt um mich geändert, nun gibt es mit der AfD eine Partei, die in vielen Teilen der Gesellschaft völlig akzeptiert zu sein scheint. Bei mir nicht.

6. Wann hatten Sie zum ersten Mal das Gefühl, mächtig zu sein?

1945, nach der Befreiung.

Sie wurden ab 1942 in einem Dorf in Mittelfranken versteckt, ein ehemaliges Hausmädchen Ihres Onkels, Kreszentia Hummel, gab Sie als ihr uneheliches Kind aus. Können Sie sich an den Moment erinnern, als Sie wieder Sie selbst sein konnten?

In dem Ort habe ich nicht unter meinem Namen existiert. Ich war die Hummel-Lotte. Irgendwann war klar: Das Dorf ist befreit. Da wollte ich, dass jeder weiß, wer ich bin und was die Menschen geleistet haben, die mich dort versteckt haben. Als ich zum ersten Mal sagen konnte, wer ich eigentlich bin, habe ich mich mächtig gefühlt.

Träumen Sie von Ihrer Kindheit?

Ja. Von den Tieren.

Den Tieren?

Ich war doch vollkommen allein in diesem Dorf, ich hatte niemanden, bei dem ich weinen konnte. Ich war ein Kind, aber ich habe verstanden, dass ich bei den Menschen, die mir helfen, nicht auch noch meinen Ballast abladen kann. Also habe ich bei den Tieren auf dem Hof geweint. Das waren meine Freunde.

7. Und wann haben Sie sich besonders ohnmächtig gefühlt?

Wissen Sie, ich bin 1932 geboren, ich habe mich bis 1945 durchgehend machtlos gefühlt. Ich habe im Leben generell sehr spät meinen Optimismus gefunden. Eigentlich habe ich erst in den Achtzigerjahren meine Heimat gefunden, bis dahin habe ich in Deutschland innerlich auf gepackten Koffern gesessen. Nicht nur ich, alle Juden in Deutschland. Wir haben in einem selbst gewählten jüdischen Ghetto gelebt: Die Juden waren unter sich, die Nichtjuden waren unter sich.