Familienfeste, die zu hundert Prozent friedlich verlaufen, gibt es nur in der Werbung. Die Künste hingegen, Theater und Film nicht anders als die Literatur, sind geradezu verpflichtet, sie für die Darstellung von Desastern zu nutzen. Im komödiantischen Genre zählen brennende Tannenbäume und Guerillamanöver angereister Großeltern zu den Evergreens. Wenn es ernster zugeht, sorgt die Wiederkehr verdrängter Wahrheiten für den Ruin von goldenen Hochzeiten, Weihnachtsfesten und runden Geburtstagen.

So oder so, ein zeitgenössischer Familienroman, der seine Sippe ohne Zoff und Zwischenfall feiern lässt, steht unter einem gewissen Trivialitätsverdacht. Die Krise der bürgerlichen Familie, sollte man meinen, lässt die Inszenierung reiner Festtagsharmonie eigentlich nicht zu. Genau dies ist in Claire Lombardos 730 Seiten dicker und vier Jahrzehnte umfassender Familiensaga Der größte Spaß, den wir je hatten jedoch der Fall. Am Ende der Geschichte, die von Alkoholsucht über Kindstod und Suizidgefahr bis hin zu jahrelangen Zerwürfnissen kein Drama auslässt, sitzen alle versöhnt zusammen. Sie feiern Thanksgiving, das amerikanischste aller amerikanischen Familienfeste.

Die Eltern, David und Marilyn Sorenson, ihre vier Töchter, ein paar Schwiegersöhne und Enkel sitzen um den obligatorischen Truthahn herum. Selbst Jonah, verheimlichtes Kind der zweitältesten Tochter, das sie direkt nach der Geburt zur Adoption freigab, fand seinen Platz im Schoß der biologischen Familie. Der Tag neigt sich dem Ende zu, das Fest tritt in die legere Phase ein, und im Text heißt es: "Wie in alten Zeiten saßen sie nach Geschlechtern getrennt." Alte Zeiten? Nach Geschlechtern getrennt?

Claire Lombardo ist Jahrgang 1989. Für eine gerade mal dreißigjährige Autorin, die mit den Gendertheorien Judith Butlers sozialisiert wurde, klingt das schon recht erstaunlich. Der Hinweis auf das Traditionelle der Szenerie ist ihr indes so wichtig, dass sie ihn kurz darauf, nun in Figurenrede, wiederholt. "Wie in guten alten Zeiten", kommentiert Marilyn. Wohlgemerkt: Es handelt sich hier um das Finale des Romans, dem folglich eine erhöhte Aussagekraft zukommt. Man fragt sich nicht nur, was Claire Lombardo mit diesem Schlussbild, man fragt sich, was sie mit dem ganzen Roman eigentlich sagen will, der eine Lebensordnung rekonstruiert, wie sie konservativer oder, um den modischeren Begriff zu verwenden, "heteronormativer" kaum sein könnte – zumindest was Marilyn und David betrifft. Sie lernten sich in den Siebzigern als Studenten kennen, wurden im Handumdrehen Eltern – die ersten zwei Töchter trennt ein knappes Jahr – und fanden sich in einer Rollenverteilung wieder, die andere Paare zermürbt, wenn nicht entzweit hätte. David wurde Arzt. Marilyn opferte ihr Studium als Hausfrau der sechsköpfigen Familie. Als wäre dies nicht genug Widerstand gegen den Zeitgeist der Emanzipationsepoche und der Traditionsbrüche, zogen sie obendrein in Marilyns Elternhaus in Oak Park, einem bürgerlich ruhigen Vorort von Chicago. Na gut, könnte man sagen, es gibt nun mal Leute, die aneinander und am Bestehenden festhalten, weil es ihnen an Courage und Wunschfantasie fehlt. Nicht so David und Marilyn. Sie führen eine Ehe, in der es keinen Tag an Leidenschaft mangelt. Sie wollten nie ein anderes als dieses Glück. Ihr Leben ist ein Denkmal der Kontinuität, dem das Thanksgiving-Fest im Kreis der Kinder und Kindeskinder seinen letzten Schliff verleiht.

Mit Der größte Spaß, den wir je hatten legt Claire Lombardo ihren Debütroman vor. Zumindest aus deutscher Sicht hat er in seiner enormen Könnerschaft, in der Versiertheit seiner Spannungskonstruktion, nichts von einem Erstling an sich. Lombardo, so darf man annehmen, hat nicht nur Jonathan Franzens Korrekturen gründlich studiert, sie hat die Techniken des amerikanischen, hierzulande mitunter verpönten Storytellings bravourös erlernt. Das Ergebnis ist ein Roman, der ganz sicher nicht durch avantgardistische Genialität besticht, doch man hat sich nach zwanzig Seiten in ihn so eingelebt, dass man sich nach den letzten fast ein wenig heimatlos fühlt. Die Zeit dazwischen hat man, ästhetisch nicht übermäßig gefordert, aber auch nicht unterfordert, in geradezu kindlicher Identifizierung mit Familie Sorenson verbracht. Es gibt für diese Art der angelsächsischen Literatur den etwas abschätzigen Begriff "Lesefutter". Aber was ist gegen das Verschlingen einer Mahlzeit zu sagen, wenn sie raffiniert zubereitet ist?

Und Lombardos Erzähltechnik besitzt ohne Zweifel Raffinesse. Sie breitet die Lebensgeschichten von David und Marilyn und ihren Töchtern Wendy, Violet, Liza und Grace weder chronologisch noch monoperspektivisch aus. Sie erzählt vielmehr in zeitlichen und narrativen Sprüngen, nutzt die entsprechenden Cliffhanger, deutet eine dramatische Episode an, um sie hundert Seiten später aus gewechselter Figurensicht zu vervollständigen. Dass Wendy eine verwitwete Wohlstandstrinkerin ist, weiß der Leser, bevor er erfährt, wie es dazu kam, dass ausgerechnet sie, eigentlich aufsässig und anarchisch, einen steinreichen Unternehmer heiratete.