Doch Clara Wieck ist auch Komponistin. Im Gegensatz zu heute gehörte es damals zur Reputation eines Musikers, eigene Werke im Programm zu führen. Allzu hoch waren die Ansprüche dabei nicht, besonders beliebt war "virtuose Glitzerware" in Form von kleinen Bravourstücken, mit denen man Eindruck machen konnte. Komponierend entspricht Clara dem damaligen Publikumsgeschmack also durchaus, ganz so, wie es der Musikhistoriker Johann Nikolaus Forkel bereits im 18. Jahrhundert formulierte: "Hier ist der Künstler wie ein Kaufmann zu betrachten, der solche Waren zeigt, wonach am meisten gefragt wird." Claras "Musik-Waren" kommen gut an: Sie macht als erste Pianistin eine Weltkarriere und wird selbst im gestrengen Wien zur Sensation, wo ein Konditor eine "Torte à la Wieck" kreiert – "eine zarte Mehlspeise", die "sich von selbst in den Schlund hinunterspielt", wie eine Zeitung schreibt.

Zum Jubiläumsjahr 2019 gibt es diverse Neu-Einspielungen, die Clara Schumanns Kompositionen erfahrbar machen. Dazu zählt das Debütalbum Romance der britischen Pianistin Isata Kanneh-Mason, die neben kleineren Werken wie den Drei Romanzen op. 11 für Klavier solo auch das Klavierkonzert aufgenommen hat. Dass dieses Konzert von 1837 in derselben Tonart steht wie das ihres Mannes, das kurz darauf entsteht, ist gewiss kein Zufall. Clara hielt Roberts Klavierkonzert a-Moll op. 54 von Anfang an für "reich an Erfindung" und führte es trotz anfänglichen Befremdens beim Publikum stets in ihrem Repertoire. Ihr eigenes Klavierkonzert a-Moll op. 7 hingegen, das sie mit 16 Jahren komponierte, fand sogleich Anklang bei den Kritikern – auch wenn die bei aller Anerkennung ihren Chauvinismus nicht verbergen konnten: Nie würde man "dem Gedanken Raum geben", so hieß es etwa, dass diese Musik "von einer Dame" geschrieben sei. Zusammen mit dem Royal Liverpool Philharmonic Orchestra unter Holly Mathieson bringt Isata Kanneh-Mason hier vor allem die Virtuosität und Brillanz der jungen Komponistin zur Geltung. Romantisch-gefühlig wird das nie, im Gegenteil: In ihrer fantasievollen, lebhaften Interpretation trägt der Schlusssatz des Klavierkonzerts mit seiner alla polacca-Spiellaune und seinen bunt schillernden Kaskaden bisweilen fast impressionistische Züge.

Ein zeitgenössischer Abdruck von Claras Hand ist in Leipzig nun in Holz zu sehen. © Christian Kern

Mit Claras Solowerken für Klavier befasst sich auch der 44-jährige italienische Pianist Domenico Codispoti. Sein Album Clara Wieck Schumann: Piano Works beginnt wiederum mit den Trois Romances pour le piano op. 11, die Clara Wieck ihrem geliebten Robert noch vor der Hochzeit widmete. Es folgen die Sonate in g-Moll (1841/42), die Soirées Musicales op. 6 (1834–36) und eine späte Komposition, nämlich die Variationen über ein Thema von Robert Schumann op. 20 von 1853. So ergibt sich eine Klanglandschaft, die so facettenreich ist wie Clara Schumanns Leben – mal melancholisch und voller Wehmut, dann wieder munter und lebhaft. Codispoti verfügt über ein ausgesprochen weiches Legatospiel, in dem all diese Facetten wie in einem Vexierbild zusammenfließen.

Einen beinahe Borchardschen, nämlich den verschlungenen Beziehungen um Clara Schumann nachgehenden Ansatz hat die 64-jährige israelische Pianistin Yaara Tal für ihr Album Love? Homage to Clara Schumann gewählt. Hier dienen die Romanzen op. 11 dazu, Stücke anderer Komponisten zu kontrastieren, die zu Claras Umfeld gehörten: darunter ihre Nebenbuhlerin Julie von Webenow, die ihr L’adieu et le retour frecherweise Robert Schumann widmete. Aber auch Stücke von Künstlerfreunden wie Johannes Brahms und dem Komponisten und Dirigenten Theodor Kirchner tauchen in dieser Hommage auf.

Yaara Tal gelingt es vielleicht am stärksten, diese Musik ästhetisch zu verorten und damit zu zeigen: Clara Schumanns kompositorisches Schaffen hat durchaus Bestand neben dem ihrer (männlichen) Kollegen. Denn eine gewisse Zurückhaltung und der Verzicht auf typisch virtuoses Klimbim bedeuten nicht etwa Blässe oder Schwäche, sondern vielmehr, dass Berühmtheit auch möglich ist, ohne sich "teuflisch" wie Paganini oder "dämonisch" wie Liszt in den Vordergrund zu spielen (ganz so, wie Hegel es in seinem Plädoyer für eine Musik der gemäßigten Affekte empfahl). Dass das keine Geschlechterfrage ist, beweist ausgerechnet Robert, der Clara immer wieder Mut zum Komponieren macht und ihren besonderen Zugang zur Musik lobt. Am schönsten hier: "Die Perle schwimmt nicht auf der Fläche; sie muß in der Tiefe gesucht werden, selbst mit Gefahr. Clara ist eine Taucherin."

Das Abtauchen ins Reich der Musik ist es auch, das Clara Schumann bis ans Ende ihres Lebens über alle Schicksalsschläge hinwegtröstet: über die psychische Erkrankung und den Tod Robert Schumanns, über den Tod der Eltern und über den ihrer Kinder (von ihren acht Kindern stirbt eines bereits mit einem Jahr, ein anderes kommt 20-jährig in eine Nervenheilanstalt). Unermüdlich konzertiert Clara, lässt nicht ab von der Karriere auf dem Podium. Gemeinsam mit Brahms verlegt sie das Gesamtwerk ihres Mannes neu. Das Komponieren aber gibt sie auf, als Robert stirbt, offenbar spielt sie auch nie mit dem Gedanken, ihr eigenes Werk – das so klein nicht ist – zu edieren und der Nachwelt zu hinterlassen. Möglich, dass ihr ohne Robert der inspirierende Gegenpart fehlt, der Adressat, an den sie ihre Musik stets zuallererst gerichtet hat. Lebenspraktisch mag diese einzigartige künstlerische Symbiose Opfer gefordert haben; im Werkbegriff aber formuliert sie eine Utopie. "Du vervollständigst mich als Componisten, wie ich Dich", schreibt Robert 1839 an Clara. "Jeder Deiner Gedanken kömmt aus meiner Seele, wie ich ja meine ganze Musik Dir zu verdanken habe."

"Experiment einer Künstlerehe – Die Leipziger Zeit der Schumanns", Dauerausstellung im Schumann-Haus in Leipzig, www.schumannhaus.de

Beatrix Borchard: Clara Schumann. Musik als Lebensform. Neue Quellen – Andere Schreibweisen; Georg Olms Verlag, Hildesheim 2019; 431 S., 29,80 €

Isata Kanneh-Mason u. a.: Romance. The Piano Music of Clara Schumann (Decca)

Domenico Codispoti: Clara Wieck Schumann: Piano Works (Piano Classics)

Yaara Tal u. a.: Love? Homage to Clara Schumann; (Sony Classical)