Er singt Henry Purcells Let me weep, sie klagt auf Arabisch von der Liebe. Er ornamentiert diatonisch, sie mittelmeerisch. Er erreicht schlackenlos das zweigestrichene Fis, sie bleibt mit rauem Timbre eine kleine Terz darunter. Gegensätzlicher können Sänger kaum sein als Dima Orsho, 1975 in Damaskus geboren, und Valer Sabadus, der neun Jahre später in Rumänien zur Welt kam. Doch nicht der Kontrast ist neu – eher zu oft schon sind Orient und Okzident zum Crossover gebeten worden. Die Songs of Love, jüngst in Berlin frenetisch bejubelt, vertiefen in 90 Minuten eine Qualität, die keine der Musiksprachen verbiegt und doch beide eng verschränkt bis hin zum Duett und weiter noch: Als der Counter und die Mezzosopranistin zusammen improvisieren, ist das von utopischer Schönheit und lässt ahnen, wie die Welt auch sein könnte.

Abende wie dieser brauchen keine Absichtserklärungen oder Spezialfestivals zur Multikultur mehr – und sie zeigen auch, wie sehr die Welt der Counter sich gewandelt hat, der historisch geschulten männlichen Hochtöner. Barockmusik bleibt ihr native country, aber an Offenheit sind sie den klassischen Stimmfächern weit voraus – und ihnen an Popularität gewachsen. Der jüngste Star der Szene, Jakub Józef Orliński, kann mit einem Liederabend die Frankfurter Oper bis unters Dach füllen: ein Breakdancer und Instagrammer mit violetten Socken zum Anzug, der barocke Arien auch mal zum historisch unkorrekten Steinway singt und der Menschen, die das erste klassische Konzert ihres Lebens hören, für polnische Lieder des 20. Jahrhunderts begeistert.

Breakdancer, Instagrammer, Countertenor: Jakub Józef Orliński © Tom Stockill/​Camera Press/​Picture Press/​ddp

Countertenöre sind so in wie nie zuvor. Sie bilden eine ausgewachsene eigene Branche mit vielen Stars, die in den Castings der Opernhäuser feste Plätze haben. Vor 15 Jahren wäre das genauso undenkbar gewesen wie die Sopranhöhe des 33-jährigen Valer Sabadus, die Auftritte von Dima Orsho mit ihm und anderen Countern – oder wie die vier Millionen Klicks, die der 28-jährige Jakub Józef Orliński für eine fünfminütige Arie von Vivaldi erntet. Ein Stimmfach, das einst als Synthese im Labor der "Alten Musik" entstand, ist in die Mitte der vokalen Gesellschaft gewandert, der Opernhäuser, Konzertsäle und Netzpodien – und auch der Tonträger, die offenbar doch noch gebraucht werden.

Freilich, noch immer gibt es Leute, die sich ernsthaft fragen, ob derart hoch singende Männer körperlich von unten bis oben wirklich intakt sind. "Kastrat bin ich nicht, da muss ich wohl ein Counter sein", sagt spöttisch Max Emanuel Cenčić. Wer meint, ein Sänger in Altuslage könne bei Liebesduetten bestenfalls keusch wirken, sollte sich mal Cenčić und Sonya Yoncheva mit Pur ti miro aus Monteverdis Poppea anschauen. Es irritiert keinen mehr, dass bei Countern die tessitura besonders weit von der Sprechstimme entfernt ist, anders als bei den barocken Kastraten mit ihren Kinderkehlköpfen über Hünenkörpern. Unvergessen, wie Kai Wessel als Titelheld in Cavallis Il Giasone in Hannover inmitten seiner Hochkoloraturen auf der Bühne ein baritonales "Oh, oh ..." beiseitesprach und die Oper dadurch noch komischer wurde, als sie eh schon ist.

Aber das war zu Beginn dieses Jahrhunderts, als beim breiten Publikum der Kastratenfilm Farinelli von 1995 noch immer den Eindruck nährte, oberhalb der Tenorlage könnten Sänger nur schrille Exoten sein – wozu auf seine Weise ja auch Michael Jackson beitrug –, und man die prominenten Vertreter des Barockgesangs an einer Hand abzählen konnte. Einer von ihnen war Andreas Scholl, Jahrgang 1967, der bei René Jacobs studiert hatte und etlichen Sängern zum Vorbild wurde. Sabadus, damals Gymnasiast in Bayern, erlebte Scholl 2003 in einer Fernsehsendung und imitierte ihn so gut, dass seine Klavier spielende Mutter befand: "Du bist ein Countertenor!" Später sang er mit in jenem Counter-Quintett, mit dem die Branche endgültig eine neue Umlaufbahn erreichte.

Bis dahin hätte es wohl kein größeres Haus riskiert, eine völlig unbekannte Barockoper mit Countern in all den Rollen zu produzieren, die 1730 in Rom von Kastraten gesungen worden waren – Frauengestalten inklusive. 2016 aber gab es so viele gute und berühmte, dass sich fünf von ihnen in Nancy zur Ouvertüre von Leonardo Vincis Artaserse als solidarische, selbstbewusste Gruppe präsentieren konnten, beim Schminken und Plaudern, an der Spitze Max Emanuel Cenčić und Philippe Jaroussky. Auch wegen dieser Stars wurde das Doppelalbum mit der Ausgrabung 25.000 Mal verkauft, mitten im angeblichen Niedergang der Tonträgerindustrie. Aber eben auch mitten in einem gesellschaftlichen Ausbruch aus so alten wie verblüffend zähen Geschlechterrollen

Es geht dabei nicht mehr um Travestien, sondern um die Offenheit für Ambivalenzen. Die schlummern auch in der Musik selbst, wie Philippe Jaroussky am Ruggiero aus Händels Alcina klarmacht: "Ich bin ein Mann, und gerade darum kann ich die feminine Seite von Ruggiero besser betonen als ein weiblicher Mezzo. Genau wegen dieses Charakters hat der Kastrat Carestini die Rolle nicht gemocht." Mit der Vorgeschichte ihres Stimmfachs befassen sich Counter gründlicher als die meisten anderen Kollegen und Kolleginnen, von Bass bis Sopran. Denn als Solospezies sind sie erst wenige Jahrzehnte alt, auch wenn es Diskantsänger mit "Kopfstimme" seit Jahrhunderten gibt. Aus deren englischer Chortradition kam Alfred Deller, 1912 geboren, ein Pionier des Fachs.