Ausdrücke gehen viral, und die Menschen reden nun mal strange. Es ist ja unsinnig, sich über sprachliche Moden aufzuregen, sonst ist man ganz schnell bei diesen linguistischen Schrebergärtnern, die auch Der Dativ ist dem Genitiv sein Tod toll finden. Aber ist Ihnen neben den USA und all den anderen üblen Entwicklungen der letzten Zeit nicht auch schon aufgefallen, dass überall und immer häufiger von "Wertigkeit" die Rede ist, und finden Sie nicht auch, dass das aufhören muss, aber yalla?

Googeln Sie mal mit:

"Die Wertigkeit des Sprints wird immer höher und er wird auch immer ernster genommen." (Es geht um Rodeln!)

"Brief & Co: 5 Dinge, die in der digitalen Welt noch ihre Wertigkeit behalten konnten."

"Kia bei Absatz und Wertigkeit auf einem neuen Level."

Das ist doch alles Stuss! Es geht hier tatsächlich um Wichtigkeit, Wert und Qualität. Wertigkeit hingegen ist eigentlich ein Begriff aus der Chemie, wo man dazu auch Valenz sagen darf, und bezeichnet "die Eigenschaft von Atomen, eine bestimmte Anzahl von Atomen anderer Elemente im Molekül zu binden oder zu ersetzen". Keine Ahnung, was das genau heißen soll, aber mit Rodelsprints hat es nichts zu tun.

Dass die Leute das Wort falsch verwenden, ist ja nicht weiter schlimm. Das Problem ist noch nicht einmal, dass die Leute dieses Wort überhaupt verwenden, obwohl es ein sehr unangenehmes Wort ist, ein schwitziges Kleingeistwort; der typische Verwender ist ein Mittvierziger, der es mit großem Ernst auswählt, um seiner Frau die Naht der Ledersitze in ebenjenem neuen Kia zu beschreiben, den er vielleicht erwerben will. Das tatsächlich Problematische an dem Begriff ist, dass er so furchtbar germanisch ist. Er führt uns an all die Abgründe heran, die wir als Deutsche meiden müssen.

An sich haben wir ja eine tolle Sprache, man kann fast alles damit machen, allerdings leidet das Deutsche unter einer seltsamen Überfülle aus Prä- und Suffixen. Ge-, -schaft, -ung, -heit, -ismus, -mut, -tum, -tät und so weiter. An dieser Stelle natürlich noch wichtig: -keit. Wertig-keit. Die Option, alles mit so einem Zusatz versehen zu können, der aus einem harmlosen Einzelding auf einmal etwas Allgemeines macht, lässt den Deutschen schnell in ein haltlos-kosmisches Labern hineingleiten, wo dann übrigens auch schnell so Nazi-Sprech geboren wird, weil alles auf einmal total und absolut und grenzenlos wird.

Ein Beispiel: Das Präfix Ge- in Verbindung mit dem Wort Hirn. Man könnte meinen, dass "Hirn" eigentlich reicht, aber der Deutsche kennt zusätzlich noch das Gehirn. Gehirn bezeichnet offenbar die Tatsache, dass in unserem Schädel ein amorpher Wust aus verschiedenen Groß-, Stamm- usw. -Hirnen arbeitet, womit die Sache merkwürdig unhandlich und unbegreiflich, ja im Grunde alien wird und German angst provoziert. Um die Verwirrung komplett zu machen, suggeriert das Ge- zugleich, dass der Wust eben zu etwas da ist, so wie das Geweih, das Gewehr, das Geschirr: zum Gebrauch.

Sagen Sie jetzt bitte zehnmal hintereinander: Gebrauch. Der Begriff gehört doch eindeutig in die Top Ten der deutschesten Wörter! Wo, um wieder zur eigentlichen Sache zurückzukehren, vermutlich auch die "Wertigkeit" schon einen Platz haben könnte. Irgendwer hat also dem Adjektiv "wertig" mit sehr großem Erfolg die -keit verpasst, obwohl es dieses Adjektiv ja so eigentlich auch gar nicht gibt, es gibt eigentlich nur hochwertig, wertig allein ist dagegen doch theoretisch alles. Also, Scheiße ist, verzeihen Sie die Drastik, doch auch wertig, aber halt tiefwertig.

Durch die Erfindung der Wertigkeit werden Gegenstände wie Autositze nun in schwindelnde Höhen erhoben. Wertigkeit ist sozusagen die platonische Idee des deutschen Super-Fetischs Qualität, aber noch krasser, denn in dem Begriff steckt schon gleich die Wichtigkeit mit drin. Anteil an der platonischen Idee der Wertigkeit haben in der Fantasie des Deutschen vermutlich alle Produkte des Mittelstands, der ja, da sind wir doch alle auch stolz drauf, unsere Wirtschaft trägt, außerdem alle frühen Produkte der Firma Braun. Wertigkeit hat, was von Manufactum ist oder von Schiesser. An Wertigkeit verloren hat VW. Wertigkeit gewonnen hat dafür der Sprint beim Rodeln. Wertigkeit verloren hat die deutsche Sprache, wegen der Wertigkeit.