Auffallend viele Dirigentinnen erobern gerade Chefpositionen: Joana Mallwitz als Generalmusikdirektorin in Nürnberg, Oksana Linyv 2021 bei den Bayreuther Festspielen, Alondra de la Parra beim letztjährigen Opus Klassik, Ariane Matiakh in Halle, Anna Skryleva in Magdeburg. Und an der Spitze des City of Birmingham Symphony Orchestra steht seit drei Jahren Mirga Gražinytė-Tyla, 1986 in Litauen geboren. Das alles ist nicht nur grandios, weil Frauen an Dirigentenpulten plötzlich wirklich sichtbar sind, sondern auch weil sie institutionell Verantwortung übernehmen. Sie können Finanzen verhandeln, Stellen und Partien besetzen und Spielpläne gestalten. Das wird die Branche verändern. Auch Simon Rattle und Andris Nelsons waren einst in Birmingham – und bekleideten anschließend herausragende Positionen bei den Berliner Philharmonikern und beim London Symphony Orchestra, in Boston und in Leipzig. Warum sollte dies einer Gražinytė-Tyla nicht gelingen?

Vielleicht müssen Musikerinnen nach wie vor mehr strategisches Fingerspitzengefühl aufbringen als Musiker, um ihre Karriere zu "bauen". Mirga Gražinytė-Tyla hat sich früh für den unorthodoxen Weg entschieden, ihr musikalisches Herz schlägt für die Vergessenen, vielfach Ungehörten. Schon auf ihrem Debütalbum für die Deutsche Grammophon erklang mit Musik des polnischen Komponisten Mieczysław Weinberg einigermaßen entlegenes Repertoire – und jetzt, bei ihrem zweiten Album, legt sie noch eins drauf.

Gespielt wird Raminta Šerkšnytė, eine zeitgenössische litauische Komponistin, Jahrgang 1975. Musik aus Gražinytė-Tylas Heimat also – und eine Provokation? Im Theater, in der Performancekunst oder in der Literatur mag die eigene Herkunft ein Ausweis für Authentizität sein. In der klassischen Musik ist das (noch) nicht der Fall, da profitiert man lieber von der Globalisierung und vom Gleichklang der Geschmäcke. Alle spielen mehr oder weniger alles, und vieles klingt ziemlich gleich.

Mirga Gražinytė-Tyla scheint das nicht groß zu interessieren. Sie tut vielmehr etwas ganz Ursprüngliches, indem sie fragt: "Woher komme ich?", "Wer bin ich?" – und die Antworten in der baltischen Musik findet. "Meine Verbindung mit Raminta Šerkšnytės Musik ist sehr persönlicher Natur", sagt sie. "Was mich vielleicht am meisten fasziniert, ist die poetische Qualität und das Mysterium dieser Komponistin und ihres Werks. Diese Stimme ist auch im internationalen Kontext von allergrößter Bedeutung."

Zunächst gilt es hier eine ausgesprochen farbenreiche Klangsprache zu entdecken. "Ramintacism" nennt Gražinytė-Tyla augenzwinkernd den typischen Umgang mit kleinen Terzen, ansonsten bekommt man es weniger mit hartgesottener Avantgarde-Musik zu tun als mit einem beherzten Mix aus Impressionismus, Post-Minimalismus und allerlei jazzigen Anklängen. Šerkšnytės Midsummer Song etwa beschwört die langen weißen Sommernächte des Nordens, Harmonien verschwimmen wie die Grenzen zwischen Tag und Nacht, einzelne solistische Stimmen treten traumwandlerisch in einen dialogischen Wechsel mit dem darunterliegenden Klangteppich. Ein kaleidoskopisches Spektrum feinster Klänge entsteht, das Mirga Gražinytė-Tyla und die Kremerata Baltika mit Präzision und Hingabe zum Leuchten bringen.

Man spürt, dass Gražinytė-Tyla auf dieser CD nicht nur musikalisch engagiert ist. Sie hat hier eine Botschaft, ja eine Mission, immerhin geht es um den Klang ihrer Heimat. Und man begreift, wie Führungspositionen im Musikbetrieb auch genutzt werden könn(t)en: als Lupen, die sich auf ein Repertoire richten, das zu wenig oder gar nicht beachtet wird. Sicher ist es leichter, als Dirigentin mit Beethoven, Brahms und Bruckner zu reüssieren (die Gražinytė-Tyla selbstverständlich auch dirigiert); verdienstvoller und mutiger aber ist es, in unbekannte Länder und Landschaften aufzubrechen, ja, die eigene Präsenz auf dem Plattenmarkt von Anfang an mit den Rändern des Repertoires zu verknüpfen. Litauen ist insofern nur ein Beispiel.

Noch ungewöhnlicher aber ist, dass Gražinytė-Tyla sich diese CD mit einer anderen litauischen Dirigentin "teilt", mit Giedrė Šlekytė, Jahrgang 1989, die unter anderem in Graz und in Leipzig studiert hat. Man stelle sich vor, Exzentriker wie Kirill Petrenko und Teodor Currentzis hätten zu Beginn ihrer Karrieren in dieser Weise miteinander kooperiert, oder Shootingstars wie Andris Nelsons und Robin Ticciati wären früh vor die Wahl gestellt worden, einen unbekannten, noch jüngeren Kollegen mit ins Boot zu holen. Nein, richtig denkbar ist weder das eine noch das andere, und das sagt viel über den Betrieb, wie er lange funktioniert hat und immer noch funktioniert. In der Musik sehen Männer in erster Linie sich selbst, feilen an ihrem eigenen Profil, während Frauen als das branchentypisch tatsächlich lange unterdrückte Geschlecht, kaum werden sie stärker wahrgenommen, mehr in die Breite zu denken scheinen und in der Folge auch solidarischer handeln. Nicht alle, nein, natürlich nicht.

Für Giedrė Šlekytė aber ist diese Aufnahme eine Chance. Sie, die bislang als Erste Kapellmeisterin in Klagenfurt und durch Gastdirigate an den Opernhäusern von Dresden, Leipzig, Zürich und Basel auffiel, steht hier am Pult des Litauischen Nationalen Symphonieorchesters (nicht nur zwei Dirigentinnen also, sondern auch zwei Orchester!) und leitet die Erstaufnahme von Raminta Šerkšnytės Oratorium Songs of Sunset and Dawn, komponiert 2007. Vier Sätze von der Abenddämmerung durch die Nacht ins Morgengrauen – wer dächte da nicht an die "per aspera ad astra"-Formel bei Beethoven (durch die Nacht zum Licht)? Oder an die Singende Revolution im Baltikum 1989/90, die Šerkšnytė, wie sie selber sagt, im Leben wie in ihrer künstlerischen Arbeit enorm geprägt hat? So oder so: Europa und seine Musik stehen viel näher und fester zusammen, als der Markt uns das gewöhnlich weismacht. Diese Aufnahme jedenfalls ist ein Statement.

Works By Raminta Šerkšnytė (Deutsche Grammophon)