Wenn Söhne rebellieren – Seite 1

Hochgeistigen Stoff unterhaltsam präsentieren: Das ist traditionell eine britische Angelegenheit. Neidisch schaut man als nicht ganz so witziger, oft ja sogar angestrengt schwerblütiger Deutscher über den Kanal und wundert sich immer wieder, weshalb dort Bücher zu komplizierten Themen gelingen, in denen man auf amüsant unangestrengte Weise belehrt wird, gerade bei philosophischen Stoffen. Vielleicht liegt das an jener britischen Kultur der Distanz, mit deren Hilfe es gelingt, auch ernste Dinge nicht völlig ernst zu nehmen – anders als authentizitätsfixierte Deutsche, die einer Sache lieber auf den Grund gehen wollen, als ihr eine Form zu verleihen. Was der Sache wiederum nicht immer guttut.

© Klett-Cotta

Stuart Jeffries, 1962 geborener Journalist, der lange für den Guardian schrieb, schaut nun mit diesem interessiert distanzierten, britischen Blick auf ein besonderes Kapitel deutschen Denkens: auf die sogenannte Frankfurter Schule. Neben Heidegger sicherte diese freilich politisch anders gerichtete, nämlich linke intellektuelle Bewegung seit den 1920er-Jahren dem ominösen deutschen Geist seine weltweite Bedeutung im 20. Jahrhundert. Theodor W. Adorno, Max Horkheimer, Herbert Marcuse und Walter Benjamin wurden mit ihrer Mischung aus Philosophie und Sozialwissenschaften zu Exportschlagern – unfreiwillig, die Nazis hatten sie 1933 ins Exil getrieben.

Als Klassiker sind diese Männer jeder für sich gut erforscht. Jeffries erzählt jetzt eine Gruppenbiografie, vor dem Hintergrund jener Umwälzungen eines dramatischen Jahrhunderts, das die Ideen dieser Gruppe maßgeblich beeinflusste. Er arbeitet sich nicht durch die Archive oder entdeckt neue Quellen, sondern arrangiert Bekanntes in leicht lesbarer Form, ergänzt um einzelne Werkanalysen – alles so präsentiert, dass es ideal zu einer intellektuellen Cocktailparty passt, vielleicht weniger ins Doktorandenkolloquium.

Faszinierend sind die Figuren in ihrer Unterschiedlichkeit allemal – aber sie haben tatsächlich von Anfang an ein einigendes Band: Das Denken von Adorno, Horkheimer, Benjamin und all den anderen war auch eine Rebellion gegen die Welt der Väter. Denn die Söhne waren Kinder des Deutschen Kaiserreichs, allesamt aufgewachsen in liberalen jüdischen Elternhäusern, in außergewöhnlichem Wohlstand. Es passt also gut, dass Jeffries seine Geschichte mit Walter Benjamins berühmten Erinnerungsminiaturen Berliner Kindheit um 1900 beginnen lässt; denn diese prosperierende Epoche stand am Anfang ihrer Erfahrung. Der Vater des 1895 geborenen Max Horkheimer besaß mehrere Textilfabriken in Stuttgart-Zuffenhausen, Adornos Vater war Weinhändler, Friedrich Pollocks Papa gehörte eine Lederfabrik in Freiburg, Herbert Marcuses Vater war ebenfalls Textilfabrikant in Berlin. "Die Söhne revoltierten gegen das Erbe der Aufklärung", schreibt Jeffries: Damit beschreibt er die Tatsache, dass für die liberalen jüdischen Väter die Anpassung an das erfolgreiche System des Kaiserreiches zentral war, das ihnen Aufstieg und Wohlstand ermöglichte. Die Söhne sahen das anders, zumal nach der alle Gewissheiten erschütternden Erfahrung des Ersten Weltkriegs (ein "Sturm, der aus sicherem Abstand beobachtet wurde", wie Jeffries schreibt, obwohl Horkheimer immerhin 1916 eingezogen wurde). Darin war die Welt von gestern katastrophal zusammengebrochen, sie hatte sich in den Materialschlachten als trügerischer Schein erwiesen. Man konnte also nicht nur rebellisch die acht Jahre ältere Sekretärin des Vaters gegen dessen erbitterten Widerstand heiraten wie Horkheimer (das Paar blieb glücklich bis zu ihrem Tod 1969); es war zugleich von intellektueller Dringlichkeit, mit Marx und Freud die kapitalistische Gesellschaft zu analysieren, die in schlimmste Katastrophen führte.

Dass es dann trotz allem häufig zu Vater-Sohn-Versöhnungen kam, hat Hannah Arendt im Rückblick festgestellt, vielleicht weil sie als Tochter dafür ein besonderes Sensorium besaß: Die Konflikte wurden "doch in der Regel dadurch beigelegt, dass die Söhne den Anspruch machten, Genies zu sein oder auch, wie im Falle der zahlreichen Kommunisten aus begütertem Hause, Menschheitsbeglücker, auf jeden Fall etwas Höheres, und die Väter nichts lieber glauben wollten". Mit Adorno und Horkheimer verband sie zeitlebens eine herzliche Abneigung.

Das Unorthodoxe war ihr Erfolgsgeheimnis

1924 wurde schließlich das Institut für Sozialforschung in Frankfurt gegründet, mit Bibliothek und Seminarräumen – die Keimzelle für das, was man später "Frankfurter Schule" nennen sollte. Finanziert wurde es von Hermann Weil, der es zum bedeutendsten Getreidehändler weltweit gebracht hatte und seinem Sohn Felix dessen Herzensprojekt zur marxistischen Gesellschaftsanalyse ermöglichen wollte; 1930 wurde Horkheimer Institutschef, 1933 dann die Emigration des Instituts. Mit der Analyse des Faschismus tat sich notgedrungen ein neuer Arbeitsschwerpunkt auf. Und Horkheimer und Adorno entwickelten allmählich das, was später "Kritische Theorie" genannt werden würde: eine philosophische Gesellschaftsanalyse, die antikapitalistisch ausgerichtet war, aber ohne kommunistische Revolutionshoffnung auskam und immun gegenüber Moskauer Sirenengesängen blieb. Der KP-treue Philosoph Georg Lukács attackierte deshalb zeitlebens diese skeptische Position; von ihm stammt das Bonmot vom "Grand Hotel Abgrund", in dem Adorno und Horkheimer intellektuell residieren würden, behaglich sich in der Betrachtung der Katastrophen einrichtend, statt ein aktivistisches Denken der Tat zu entwickeln. Genauso klangen dann auch die Vorwürfe der Studenten nach 1968.

Doch gerade das Unorthodoxe war letztlich das Erfolgsgeheimnis der Frankfurter Schule. Jeffries zeigt in gelungenen Kapiteln, wie diese Denker Kunst und Kultur in ihre Deutungen integrierten, immer entschieden modern – das war vielleicht das eigentlich Innovative, mit bahnbrechenden Perspektiven auf den modernen Kapitalismus und dessen "Kulturindustrie". Für Adorno war es die neue Musik, für Benjamin das Kino und das Radio. Treffend ist Jeffries’ Bemerkung, dass Benjamins Stil "sein politischster Akt" war: Das Formbewusstsein dieser Intellektuellen ist bis heute beeindruckend; vielleicht hat sie das im Grunde erst zu Klassikern gemacht. Und auch Eros gehörte zum Programm: Herbert Marcuse formulierte dessen subversive Qualitäten in den Fünfzigerjahren, als Prophet der sexuellen Befreiung gegen die kapitalistischen Zwänge, nachdem er eben noch für den amerikanischen Geheimdienst gegen die Nazis gearbeitet hatte.

Zu den Stärken von Jeffries’ Erzählung gehört die Integration von eher randständigen oder vergessenen Figuren in den Kosmos um Adorno und Horkheimer; die Frankfurter Schule war ja nie ein festgefügtes Theoriebataillon, sondern ein fluides Gebilde. Neben Marcuse kommt so auch der Psychoanalytiker Erich Fromm zu seinem Recht, ebenso der Politikwissenschaftler Franz Neumann oder der Ökonom Henryk Grossmann. Ebenso klar wird in diesem Buch der transatlantische Charakter dieses ursprünglich so alteuropäischen Projekts: Das Exil in Amerika und schließlich Adornos und Horkheimers Rückkehr nach Deutschland, nach Frankfurt, in den Fünfzigerjahren globalisierten die Wirkung wie auch die Einflüsse und Kommunikation.

Das Ende kam mit 1968, der Studentenrevolte, und Adornos Tod ein Jahr später; dessen Schüler Jürgen Habermas würde danach andere Denkwege beschreiten – und tatsächlich malt man sich für einen Moment aus, wie wohl ein Radioessay Adornos in dessen legendärer Diktion über das gerade erschienene monumentale Habermas-Werk Auch eine Philosophie der Geschichte klingen würde.

Wie ein Conferencier führt Stuart Jeffries durch die Salons des Grand Hotel Abgrund; dabei unterlaufen ihm einige überflüssige Abschweifungen, Verkürzungen und Oberflächlichkeiten. Doch ihm gelingt das Panorama einer Gruppe von intellektuellen Außenseitern, deren Denken in einem abgründigen Jahrhundert eine staunenswerte Weltkarriere durchlief und bis heute Inspiration bietet, in Zeiten von globalem Kapitalismus und autoritärer Renaissance.

Stuart Jeffries: "Grand Hotel Abgrund. Die Frankfurter Schule und ihre Zeit"; a. d. Engl. von Susanne Held; Klett-Cotta, Stuttgart 2019; 509 S., 28,– €