Levits Beethoven ist frei von Proklamationen, es gibt keine ideologische Metaebene, die der Pianist von Sonate zu Sonate erfüllen muss. Sein Manifest ist: maximale Sorgfalt im Detail. Er reagiert einzig auf die Partitur, gibt ihr Gestalt, doch errichtet er keine Barrikaden. Die Revolution findet nicht im Sturm statt, auch nicht in der sogenannten "Sturmsonate" op. 31,2. Die aufgeregt ratternden Repetitionen des Beginns künden von einer ernsten, nicht aber hysterischen Angelegenheit. Dabei ist Levit hier deutlich schneller und klarer als etwa Artur Schnabel oder Glenn Gould. Levits Methode, mit Intelligenz auf kleinstem Raum nach dem Potenzial für die großen Verläufe zu fahnden, erinnert ohnedies eher an Wilhelm Kempff, dessen Beethoven-Spiel heute gern unterschätzt wird. Wie Kempff ist Levit in seinem Herzen ein Lyriker, der gerade im Piano das Erhabene, aber auch Nervöse entdeckt.

Dass Beethoven tatsächlich oft Klüfte aufreißt, lässt Levit trotzdem anklingen. Die berüchtigte Wildheit erfasst auch ihn, doch sie gewinnt keine Macht über Kopf und Hände: Die Pathétique oder die Appassionata sind prächtige Beispiele, dass Levit im Tumult noch überwältigend kontrolliert dosieren kann, weder dem Bluff nachgibt noch vom Brio enthemmt und mit fortgerissen wird. Hingegen steckt Levit etwa in der Waldstein-Sonate einen ganz und gar weiten, in lauter Kleinbewegungen oszillierenden Raum in C-Dur ab, der sich so aufheizt, als flambiere der Pianist die Musik während des Spiels. Anderswo hält er den Ausdrucksradius vorsätzlich eng; den Beginn der frühen f-Moll-Sonate op. 2 legt er famos ahnungslos an – Beethoven, hier noch ein offenes Buch. Wieder anderes, etwa das einleitende Grave der Pathétique, spielt er so zeremoniell, als ließe sich der Komponist mit "Eure Majestät" anreden.

Igor Levit backstage vor einem Auftritt mit den Berliner Philharmonikern im Mai dieses Jahres © Vera Tammen

Sogar Humor hat Levits Beethoven, das ist ein wenig erstaunlich bei diesem gern in seine eigene Gedankentiefe abtauchenden Künstler. Dieser Humor lugt aus dem Finale der D-Dur-Sonate op. 10 oder dem Kopfsatz der G-Dur-Sonate op. 31 hervor. Da ist es eine Facette neben anderen: Beethoven hat den Witz ja gleich neben der Dämonie angesiedelt, das Liedhafte neben dem Hymnus, das Staubtrockene neben Tränenfeuchtigkeit, Philosophie neben dem Gassenhauer. Beethovens Sonaten sind multiple und – bei aller Energie, die sie überspannt – gebrochene Welten.

Igor Levit ist sozusagen ein Mann ohne Eigenschaften, er hat keine Neigung ins Expressive, ins Parfümierte, ins Martialische oder ins Intellektuelle. Er spielt die Werke, wie sie sind, gleichsam intuitiv richtig, ohne altmeisterliche Marotte. Er überführt sie wie in einen Urzustand, um sie daraus behutsam zu erwecken. Das sollte man nicht mit Naivität verwechseln: Levits Spiel bietet die Summe unseres derzeitigen Wissens über Ludwig van Beethoven.

Hat Levit ein Lieblingsstück, eine Preziose auf diesem wilden Parcours der Emotionen und Formen? Ja, es ist die zweisätzige, als unverdächtig geltende F-Dur-Sonate op. 54. Sie ist der Unschuldsengel zwischen Waldstein und Appassionata, doch wenn Levit das streng zweistimmige und im harmonischen Zickzack regelrecht chaotische Finale mit einem Drive sondergleichen überzieht, dann herrscht hernach Verblüffung pur.

Im Jahr 2020 wird Igor Levit als Beethoven-Instanz weltweit gefragt sein, in Amsterdam und Stockholm, Hamburg und Chicago, Wien, Bonn und San Francisco. Zwischendurch erholt er sich bei dem monumentalen Klavierkonzert von Ferruccio Busoni, einem Monster für 88 Tasten – noch so ein Achttausender der Klavierliteratur. Geht ihm die Puste aus? Vermutlich nicht. Igor Levit ist längst der Reinhold Messner des Klavierspiels.

Igor Levit: "Beethoven. Complete Piano Sonatas" (neun CDs, Sony)