"Es ging mir nicht um Geld oder Ruhm, aber um die Möglichkeit, aus meinem realen Leben zu flüchten": So hat es die Jahrhundertschauspielerin Jeanne Moreau rückblickend gesehen. Mit nur 17 Jahren begann sie am Theater: Der szenische Ausdruck half ihr, sich zu befreien, nach einer durchwachsenen Kindheit für die 1928 in Paris Geborene, geprägt von einem kaltherzigen Miteinander ihrer Eltern, von Kriegsunruhen und Flucht. Privater Schauspielunterricht und die frühe Lektüre von Klassikern, vor allem von Émile Zola, beeinflussten sie: Die junge Moreau faszinierte auf der Theaterbühne, wie später im Film, als kluge, versierte Interpretin, die es verstand, eine Figur für sich und den Zuschauer zu ergründen. Ein Festengagement an der Pariser Comédie-Française schlug sie aus. Sie entschied sich, erneut, für die Freiheit und wurde zum Multitalent, sang Chansons, arbeitete für den Hörfunk und begann Filme zu drehen. Eine Entscheidung, die sie weltberühmt machte.

Es ist die erste, umfassend und detailliert recherchierte Biografie nach ihrem Tod im Jahr 2017. Der Autor Jens Rosteck entwirft darin ein beachtliches Panorama einer Persönlichkeit, die doch eigentlich ob ihrer Unnahbarkeit nur schwer zu greifen scheint. Ein Grund vielleicht, weshalb sich Rosteck zunächst mit distanzierten Beschreibungen behilft, erst nach ihren Erfolgen vor der Kamera zu einer spürbaren Annäherung kommt. Seite um Seite vermag er es dann, dem Leser "die Moreau" näherzubringen und das Verwegene im Ausdruck der Schauspielerin vor Augen zu führen.

Zwischen ihren Filmkolleginnen, die Ende der Fünfzigerjahre mit reizvoll-lasziver Erotik auftrumpften, blieb Moreau ihr Leben lang die kühl-distanzierte Verführerin – als Komplizin, Geliebte, Mörderin. Mit Louis Malles Fahrstuhl zum Schafott feierte sie 1958 ihren Durchbruch, beruflich wie privat: Sie machte keinen Hehl aus ihrem freien Lebensstil, mit Ehen, ihre erste mit Schauspielkollege Jean-Louis Richard, und zahlreichen Liebhabern, darunter eine Liaison mit dem Schriftsteller Peter Handke.

Emanzipation war ihre höchste Priorität

Ihre erkämpfte Selbstständigkeit wurde zu ihrem Markenzeichen, ihre Emanzipation zu ihrer höchsten Priorität. Zeit ihres Lebens arbeitete Jeanne Moreau ehrgeizig, diszipliniert und voller Akribie an ihrer, wie sie es nannte, "Gabe": ihrem undurchsichtigen Spiel, das mit minimalistischer Gestik und Mimik und einer charakteristisch gefärbten Stimme jedem Film atmosphärischen Esprit verlieh. Gemeinsam mit Louis Malle entstanden legendäre Produktionen wie Die Liebenden oder Viva Maria!, wo sie mit Brigitte Bardot vor der Kamera stand; unter François Truffaut spielte sie in Jules und Jim. Moreaus Begegnung mit dem Regisseur Orson Welles führte unter anderem zu ihren großen Rollen 1962 in Der Prozess und 1966 in Stunde der Wahrheit.

Jens Rosteck verbindet gekonnt biografisches Material aus Jeanne Moreaus wenigen eigenen Notizen, aus Interviews, Dokumentationen und Fernsehsendungen mit Analysen ihrer zahlreichen Filme; der Autor ist als begeisterter Cineast erkennbar. Der umfangreiche Anhang verwandelt diese Biografie zugleich in ein Nachschlagewerk für das gesamte Schaffen dieser Künstlerin.

Dabei vergisst Rosteck nicht den Einfluss der großen gesellschaftlichen Umbrüche der Nachkriegszeit, der aufkeimenden Emanzipationsbewegung und der 68er-Revolution. Sie waren für Leben und Werk in vielen Momenten entscheidend; ohne sie ist die Karriere Jeanne Moreaus nicht denkbar.

All das ergibt also ein Leben, das sich liest, als wäre es ein Drehbuch für einen Film. Mit einer widerstandsfähigen und faszinierenden Heldin in der Hauptrolle.

Jens Rosteck: "Die Verwegene. Jeanne Moreau: Die Biographie"; Aufbau Verlag, Berlin 2019; 396 S., 24,– €,  als E-Book 16,99 €