Die Fakten sprechen für sich. Nie, seit vor 100 Jahren das Proporzwahlrecht eingeführt wurde, saßen mehr Linke im Schweizer Parlament. Sie stellen 69 der 200 Nationalräte. Das sind 14 mehr als noch vor vier Jahren. Und wenn am nächsten Wochenende in den Kantonen Aargau, Baselland und Schwyz die letzten Ständeräte gewählt werden, könnten zu den bisher gewonnenen 13 Sitzen noch zwei weitere hinzukommen.

Allein, zum Gewinnen gehört, sich wie Gewinner zu verhalten.

Allen voran die Grünen treten seit dem Wahlsonntag seltsam verhalten auf. Sie üben sich in Zurückhaltung, wenn es um die Parlamentsarbeit geht ("Ich habe extrem Respekt"), und wählen den Konjunktiv, wenn die Frage nach einem grünen Bundesratssitz gestellt wird ("Wir wären bereit, aber ob wir den Anspruch jetzt erfüllen können, ist offen"). Doch der Imperativ? Ist ihre Sache nicht.

Gleichzeitig lassen sich die Sozialdemokraten einen Flügelkampf aufschwatzen, den es so gar nicht gibt. Klar, die konservativen Gewerkschafter, die ultralinken Jusos und die sozialliberalen Parteigrößen vertreten nicht immer dieselben Positionen. Aber die Machtverhältnisse innerhalb der Fraktion sind klar, das zeigt ihre kollektive Smartspider-Grafik. Legt man die Profile aller Sozialdemokraten im Rat übereinander, entsteht ein ziemlich kompakter roter Fleck, links außen im politischen Koordinatensystem.

Nur einer schert aus. Der Zürcher Ständerat Daniel Jositsch, der für seine unideologischen und wirtschaftsfreundlichen Positionen bekannt ist und in Sicherheitsfragen rechts des sozialdemokratischen Mainstreams steht. Für eine Parteispaltung, von der die Neue Zürcher Zeitung neulich fabulierte, dürfte das kaum reichen.

Bei all dem Zaudern und Zagen gelingt es der vereinigten Linken nicht, die Sitzgewinne der Grünen mit den verlorenen SP-Mandaten zu verrechnen. Sprich, die Wahlen als das zu deuten, was sie sind: eine historische Verschiebung des Parlaments nach links.

Dabei müssten sie für einmal ein wenig nach rechts blicken – und vier Jahre zurück. Gefragt, was der Erfolg seiner Partei für die Bundesratswahlen bedeute, sagte Toni Brunner, damaliger SVP-Präsident, noch am Wahlabend: "Für mich ist klar, dass man den Willen der Bevölkerung bei Wahlen ernst nehmen muss. Warum machen wir sonst Parlamentswahlen, wenn das Resultat nicht Match-entscheidend sein soll?"

Wer gewinnt, schuldet es seinen Wählerinnen und Wählern, auf tutti zu gehen. Auch wenn er dabei das Risiko eingeht zu scheitern. Wer Wahlen gewinnt, darf sich nicht mit dem Konjunktiv zufrieden geben und auch nicht mit der Rolle des linken Juniorpartners.

Am Freitag wollen die Grünen sagen, ob sie im Dezember einen Bundesratssitz angreifen. Einen ganzen Monat nach den Wahlen. Endlich.