Hanna Jacobs, 30, ist Pfarrerin im "raumschiff.ruhr", einem Gemeindepionierprojekt in Essen. Hier beschreibt sie ihre Kirche von innen – im Wechsel mit Erik Flügge. © Friederike Nordholt

Von allen Bereichen kirchlicher Arbeit ist, zumindest im Protestantismus, die Kirchenmusik am prestigeträchtigsten. Auch die Gemeinden, deren Kirche nicht über eine Arp-Schnitger-Orgel verfügt und die keine A-Kantorin beschäftigen, brüsten sich auf ihren Websites damit, dass Kirchenmusik einen Schwerpunkt ihrer gemeindlichen Arbeit darstellt. Freilich rangiert die Bach-Kantorei auf der Skala der öffentlichen Anerkennung höher als der Gospelchor, aber letztlich füllen beide bei ihren Konzerten die Kirchenbänke, und das muss ihnen erst einmal ein anderer Arbeitsbereich nachmachen.

Auch eine aktive Kinder- und Jugendarbeit gehört aktuell zu den kirchlichen Must-haves, also dem, was man unbedingt haben will. Denn Kinder sind die Zukunft, und es gibt ohnehin nicht genug von ihnen. Umso wichtiger also, ihnen möglichst früh eine möglichst attraktive Heimat in der Kirche zu bieten. Außerdem bringen Kinder und Konfirmanden möglicherweise ihre Eltern mit, die im Vergleich zu den anderen Menschen in Kirche und Gemeindehaus auch immer noch ziemlich jung aussehen. Seit ich selber in einer Initiative für junge Erwachsene arbeite, erlebe ich, wie hoch das Interesse an dieser Zielgruppe ist – selten um ihrer selbst willen, oft, weil diese Alterskohorte im demografischen Quartett der Kirchgänger meist völlig fehlt.

Will eine Kirchengemeinde sich ein bestimmtes Profil geben, dann zählen ferner Kultur und Erwachsenenbildung zu den glamouröseren Optionen. Denn Ausstellungen oder theologische Vorträge und Gesprächsabende kann man gut, auch überregional, bewerben und es fallen schicke Bilder dabei ab, von Skulpturen im Kirchenschiff und prominenten Referentinnen am Lesepult. Außerdem kommen zu solchen Veranstaltungen die gebildeten und finanzkräftigeren Schafe von Gottes bunter Herde.

Und dann gibt es die gesellschaftlichen Milieus und die Schwerpunkte, die deutlich weniger glanzvoll und öffentlichkeitswirksam sind. Und mit denen sich daher auch weniger gut Spenden einwerben und Förderanträge stellen lassen. Welche Gemeinde wählt schon bewusst die Seniorenarbeit als ihre Kernaufgabe? Das wäre mal was, in einem Dorf oder Stadtteil, in dem viele ältere Menschen leben, wo Altersarmut oder Einsamkeit ein großes Thema sind. Wenige von ihnen werden wohl Jazz-Gottesdienste brauchen. Sehr selten orientiert sich kirchliche Arbeit aktiv an den Bedürfnissen von Menschen in prekären Lebensverhältnissen – von denen es statistisch gesehen deutlich mehr gibt, als ein Blick in die meisten Kerngemeinden vermuten lässt.

Wenige werden wohl wirklich Jazz-Gottesdienste brauchen

Es wäre wichtig, dass Kirche ehrlich damit umgeht, dass manche Zielgruppen und Profile als attraktiver gelten als andere. Die Aufführung des Weihnachtsoratoriums wirft mehr Glanz ab als eine Suppenküche. Das muss man offen benennen, um die verschiedenen Spielarten von Kirche wertschätzen zu können und zu verhindern, dass alle das Gleiche machen, und zwar das allgemein Angesehene.