In der Beschreibung der kirchlichen Gegenwart ist oft von der Selbstsäkularisierung des deutschen Protestantismus die Rede. Zu oft jage er dem Zeitgeist nach, statt dem Heiligen Geist zu folgen, heißt es immer wieder. Fast lautlos im Schatten dieser Zeitdiagnostik vollzieht sich ein Säkularisierungsschub, der der Kirche aufgezwungen wird. Mit möglicherweise dramatischen Konsequenzen: Für die gut 700.000 Arbeitsplätze in Kirche und Diakonie soll eine zentrale Säule des kirchlichen Arbeitsrechts zukünftig weitestgehend wegfallen. So will es der Europäische Gerichtshof, und ihm folgt das Bundesarbeitsgericht.

Die Kirche und ihre diakonischen Einrichtungen als Arbeitgeber dürfen die Zugehörigkeit zu einer christlichen Glaubensgemeinschaft nur noch in eng begrenzten Ausnahmefällen fordern. Auch mit religiös begründeten Loyalitätsanforderungen soll künftig grosso modo Schluss sein. So gebiete es das europäische Antidiskriminierungsrecht, verkündete Luxemburg im letzten Jahr. Dabei garantieren die europäischen Verträge ausdrücklich, dass die europäische Integration das nationale Religionsrecht unbehelligt lässt. Man hätte das Europarecht deshalb auch ganz anders auslegen können. Doch davon wollte der Europäische Gerichtshof nichts wissen.

Das oberste Arbeitsgericht in Deutschland folgte den neuen Vorgaben Ende 2018 mit erkennbarem Enthusiasmus und verschärfte sie nach Kräften. Etwaig verbliebenen Spielräumen bei der Anwendung der allgemeinen europäischen Leitlinien auf die konkreten Fälle in Deutschland machte das Bundesarbeitsgericht einen kurzen Prozess: Der Chefarzt eines katholischen Krankenhauses leite zwar eine kirchliche Einrichtung, sei aber für die religiöse Glaubwürdigkeit der Institution belanglos. Er wird zu einer Art medizinischem Fachidioten degradiert. Auf gleicher Linie löst das Bundesarbeitsgericht einen Fall, in dem es um Lobbyarbeit für die Diakonie in Menschenrechtsfragen geht. Von einer Theologie der Menschenrechte und ihren Besonderheiten gegenüber säkularen Menschenrechtsbegründungen muss man keine Ahnung haben, um die Kirche gegenüber Dritten zu repräsentieren, so das Bundesarbeitsgericht. Es reiche aus, wenn die Lobbyarbeit in eine kirchliche Hierarchie eingebunden werde. Die Kritiker des kirchlichen Arbeitsrechts jubeln. Endlich sei dieser alte Zopf abgeschnitten. Die Kirche, fortan ein Arbeitgeber wie jeder andere.

Nun kann man über Details und Grenzen des kirchlichen Arbeitsrechts trefflich streiten. Es ist ein diffiziles Unterfangen, religiöse Freiheitsrechte und kollidierende Rechte der Arbeitnehmer zu einem gerechten Ausgleich zu bringen. Hinzu kommt, dass sich die Kirche und ihre Diakonie – unter dem Eindruck des Kostendrucks im Gesundheits- und Pflegewesen – wohl zu lange zu wenig um eine wirklich konsequente Umsetzung ihrer Vorgaben in der Praxis gekümmert haben. So entstand zuweilen der Eindruck, hier gäbe es kirchliche Privilegien, die den Wettbewerb verzerren und soziale Schutzstandards unterlaufen. Zudem wächst in einer säkularer und zugleich multireligiöser werdenden Gesellschaft der Rechtfertigungsdruck, warum ein so großer und damit sozialmächtiger Arbeitgeber wie die Diakonie bevorzugt Christen einstellt. Der Druck steigt noch einmal, wenn man bedenkt, dass die Zahl der Arbeitsplätze im diakonischen Bereich zunimmt und die der Kirchenmitglieder sinkt. "Ecclesia semper reformanda!", das gilt gewiss auch für das kirchliche Arbeitsrecht.

Wenn aber nun statt innerkirchlicher Reform die rigorose Abschaffung durch säkulare Gerichte im Raum steht, kommen die Religionsfreiheit und die Säkularität des Rechts selbst zu Schaden. Denn die Kirchen sind gerade kein Arbeitgeber wie jeder andere. Arbeitsverhältnisse in Kirche und Diakonie stellen eben nicht nur wirtschaftliche Austauschbeziehungen dar, wie sie auch andere Lebensbereiche kennen. In der Gestaltung des kirchlichen Dienstes werden stets theologische Grundsatzfragen mitverhandelt. Mit dem kirchlichen Arbeitsrecht werden zugleich fundamentale Fragen der Lehre von der Kirche (Ekklesiologie), des Ämter- und Taufverständnisses aufgerufen.

Es geht immer auch um die Deutung des, theologisch gesprochen, unverfügbaren Auftrags der Kirche und das, was die Kirche in diesem Sinne zur Kirche macht. In der Gestaltung der Arbeitsbeziehungen der evangelischen Kirche sind immer auch Grundeinsichten der Kirchen der Reformation zu berücksichtigen wie das Priestertum aller Gläubigen, der Auftrag der Kirche zur öffentlichen Wortverkündigung und Sakramentsverwaltung oder das Verhältnis von sichtbarer und verborgener Kirche. Soweit der Dienst in diakonischen Einrichtungen erfolgt, wird dieser kirchenverfassungsrechtlich als "Lebens- und Wesensäußerung der Kirche" beschrieben. Ordnungsfragen des kirchlichen Dienstes sind nach den rechtstheologischen Grundeinsichten der Kirchen der Reformation keine bloße Äußerlichkeit, die beliebig an weltlichen Maßstäben ausgerichtet werden kann, sondern die Ordnung der Kirche insgesamt ist an Schrift und Bekenntnis gebunden. Sie muss theologisch verantwortet werden. In dem Sinne kommt ihr selbst Zeugnischarakter zu.

Für solche Fragen aber sind säkulare Gerichte nicht kompetent. Deshalb war das Bundesverfassungsgericht in zahlreichen Entscheidungen seit den frühen 1970er-Jahren gut beraten, die theologische Imprägnierung des kirchlichen Arbeitsrechts unter den Schutz der Religionsfreiheit zu stellen, erst in einem zweiten Schritt dann gegenläufige Interessen von Arbeitnehmern in den Blick zu nehmen und den Kirchen einen gewissen, nicht zu eng gefassten Gestaltungsspielraum zuzubilligen.

Dabei waren die mit der Deutung und Ordnung des kirchlichen Dienstes aufgeworfenen Grundsatzfragen immer auch Gegenstand kontroverser Debatten in der Kirche: Reformatorische Grundeinsichten bedürfen der Übersetzung in die jeweilige Zeit und in die jeweiligen Umstände. Zielkonflikte sind zu lösen. Die Vielzahl theologischer Deutungsperspektiven ist zusammenzuführen. Dazu sieht die evangelische Kirche in ihrer komplexen organisatorischen Gestalt Verfahren und Zuständigkeiten vor. Zentraler Akteur sind die Synoden als kirchlicher Gesetzgeber. Das kirchliche Arbeitsrecht ist so gesehen keine statische Materie. Sie ist dynamisch, bedarf aber im Wandel immer wieder der theologischen Vergewisserung.