Auf den Ruhm folgen die Legenden. Der chilenische Schriftsteller Roberto Bolaño starb bekanntlich 2003, bevor sein bald gefeiertes Hauptwerk mit dem rätselhaften Titel 2666 erschien. Er hat es nicht mehr erleben und noch weniger hat er es kontrollieren können, was eine enthusiasmierte Öffentlichkeit über ihn und seine Literatur zu fabulieren begann. Deswegen ist es vielleicht nicht überflüssig, darauf hinzuweisen, dass der kleine Roman Monsieur Pain – also so viel wie "Herr Schmerz" –, der jetzt auf Deutsch vorliegt, nicht seinem Nachlass entstammt, wie verschiedentlich behauptet, sondern ein Frühwerk aus den Achtzigerjahren ist, das noch von ihm selbst 1999 zum Druck befördert wurde.

Mag sein, dass Bolaño an der Qualität des Buches vorübergehend zweifelte, aber er hat es schlussendlich autorisiert und tat recht daran: Monsieur Pain ist ein vollendeter Paris-Roman, wenngleich nicht im Geiste jenes Dolcefarniente, das Hemingway und Henry Miller dort vor dem Zweiten Weltkrieg fanden. Bolaños Geschichte spielt zur gleichen Zeit, aber nicht unter vergnügungssüchtigen nordamerikanischen Touristen, sondern unter Südamerikanern und Spaniern, was allein schon ein Unterschied ums Ganze ist und eine andere Düsterkeit, auch eine andere literarische Tradition aufruft: den albtraumhaften Surrealismus der Franzosen und Spanier.

Es ist viel Buñuel und Aragon, erklärtermaßen auch Marcel Schwob und Jules Renard in dem Buch, vor allem aber jenes düstere und verregnete Paris, das Paris unter dem tief hängenden Himmel, den schon Baudelaire in einem berühmten Sonett als Deckel auf dem Kochtopf beschrieb, in dem die Menschheit schmort. Unter diesem Deckel, in einem Labyrinth schmutziger Straßen, Bars und rätselhaft verschlungener Krankenhausflure gefangen sind bei Bolaño der todkranke Lyriker César Vallejo (der 1938 tatsächlich in Paris starb), der Titelheld, der Vallejo durch Magnetismus heilen soll, zwei böse Spanier, die ihn davon abhalten, etliche andere dubiose Weggefährten, undurchsichtige Ärzte, Frauen, tückische Vermieterinnen. Alle verfehlen sich, alle werden betrogen, alle immer wieder vom Regen bis auf die Knochen durchnässt und niemals ans Ziel ihrer Wünsche geführt.

Ein Krimi? Nur soweit es in der surrealistischen Literatur Kriminalhandlungen geben kann, nämlich ohne Auflösung, belastbare Indizien, zielführende Verhöre. Es ist ein gespenstisches Netz von Schreckbildern und falschen Fährten, in dem sich Monsieur Pain verfängt, sein Mittelpunkt die ominöse Arago-Klinik, in der Vallejo an Schluckauf (!) stirbt und die entfernt an jenes böse Reichskrankenhaus aus Lars von Triers Fernsehserie erinnert, in dem sich nichts und niemand heilen lässt. Übrigens gibt es eine Clinique Arago tatsächlich seit 1910 in Paris, und diese wiederholte Verschränkung des Tatsächlichen mit dem Fantastischen begründet den eigentlichen Reiz des überragend gelungenen giftigen kleinen Horrorbüchleins. Auf höherem Niveau kann man sich nicht gruseln.

Roberto Bolaño: "Monsieur Pain"
Roman; a. d. Spanischen von Heinrich von Berenberg; Fischer Verlag, Frankfurt 2019; 176 S., 21,– €, als E-Book 18,99 €

Korrektur vom 22. November 2019: In einer früheren Version hieß es, Roberto Bolaño sei 2005 verstorben. Wir haben den Fehler korrigiert.