Unser Bundespräsident hat noch immer seinen Satz nicht gesagt, diesen auch über seine Amtszeit hinaus immer wieder zu zitierenden Bundespräsidentensatz, den in den Kellern und Clubs und Konzerthallen eigentlich alle Klangschaffenden erwarten, weil sie wissen, wie sehr Frank-Walter Steinmeier ihre Kunst doch schätzt und dass er sogar einige von ihnen mit auf Auslandsreisen nimmt, um für die weltoffen beschwingte Bundesrepublik zu werben. Und saß er nicht, sogar in Begleitung seiner Frau, kürzlich in Berlin im Babylon-Kino im Premierenpublikum des 3sat-Jazzfilms Brüder Kühn über die Lebensgeschichte der beiden Leipziger Musiker Rolf und Joachim Kühn? Da hat er nichts gesagt, nur stehend applaudiert.

"Der Jazz gehört zu Deutschland!" – dieser Satz müsste doch jetzt mal drin sein.

Er könnte das nach wie vor mit Vorurteilen beschwerte Genre stärken, auch vorbeugend für den Fall, dass die Freunde des Tschingderassabum weiter an gesellschaftlichem Einfluss gewinnen, jene Leitkulturwächter, die sich immer um die Bewahrung des Deutschen sorgen, statt sich mal an dessen Lässigkeit zu erfreuen.

Wie sehr der Jazz zu Deutschland gehört, zeigt wunderbar ein dickes Buch, das jetzt bei Reclam erschienen ist: mehr als 500 Seiten über – so sein Untertitel – Die Geschichte des Jazz in Deutschland. Geschrieben hat es einer der besten Kenner des Genres, der Leiter des Darmstädter Jazzinstituts, Wolfram Knauer.

Der Begriff Jazzinstitut mag eher nach trockener Erkenntnis klingen als nach süffiger Lektüre, doch Knauer versteht es, von einer lebendigen Musik lebendig zu erzählen. Was weiß man über Jazz in Deutschland, wenn man wenig darüber weiß? Nun, Jazz sei eine ziemlich schräge Musik, habe mit Schwarzen zu tun und werde vor allem von Amerikanern gespielt.

Solcher Unkenntnis steht ein beachtliches, wachsendes und letzthin sich sogar verjüngendes Publikum gegenüber, das kleine wie große Säle füllt. Dass Jazz im veröffentlichten Bewusstsein so wenig präsent ist, hängt mit der Mainstream-Orientierung von Presse, Funk und Fernsehen zusammen: Die Medien bilden immer weniger Vielfalt ab, dafür mehr und mehr vom Selben.

Der Jazz macht sich auf den Weg zu uns am 25. Dezember 1917, als das 15. Infanterie-Regiment der USA nach Europa entsandt wird – Arbeitssoldaten, die den Franzosen im Kampf gegen die Deutschen helfen sollen. Am 17. November 1918 erreichen sie mit als Erste den Rhein. "Das alles wäre nichts weiter als eine von vielen Kriegsgeschichten", schreibt Knauer, "hätte dieses Regiment nicht einzig aus afroamerikanischen Soldaten bestanden. Die amerikanische Armeeführung hatte sie nicht kämpfen lassen, weil die meisten weißen Soldaten keine schwarzen Kameraden neben sich wollten. Die Zuordnung zur französischen Armee war aus denselben Gründen erfolgt."

Das 2000 Mann starke Regiment verfügt über eine eigene Musikkapelle, die am 12. Februar 1918 in Nantes aufspielt. Gespielt werden Märsche und Ouvertüren, John Philip Sousas Stars and Stripes Forever, dann "Plantagenmelodien", wie man damals sagt, und der Memphis Blues. "Bald folgten die Musiker dem Vorbild ihres Dirigenten, ließen die militärische Haltung sein, schlossen die Augen und spielten, was das Zeug hielt", so Knauer, der im Folgenden einen Augenzeugen zitiert: "Dann begann das ganze Publikum mitzuschwingen, würdige französische Offiziere wippten mit den Füßen, selbst der amerikanische Admiral vergaß für einen Moment allen Stil und Anstand." Von Frankreich aus schwingt sich der Jazz über den Rhein. Menschen schwarzer Hautfarbe hat man im Deutschen Reich schon gesehen, nicht zuletzt im Bastrock im Tierpark Hagenbeck. Doch waren es wenige, weil Deutschland, wie Knauer erläutert, "unter den Kolonialstaaten ein Nachzügler war".