Strukturwandel der Öffentlichkeitsarbeit: Monatelang bereitete das Bundesbildungsministerium das Grundsatzpapier zur Wissenschaftskommunikation vor. Heraus kamen drei dürre Seiten Text, zentraler Punkt: Ob ein Forscher künftig Fördermittel des Ministeriums bekommt, hängt auch davon ab, wie er seine Erkenntnisse in die Öffentlichkeit bringen möchte. Weiteres soll nun von einem Arbeitskreis mit dem Titel #FactoryWisskomm besprochen werden. Die Enttäuschung unter Wissenschaftskommunikatoren ist groß, sie hatten mehr erwartet. Gleichwohl werden die neuen Förderstrukturen die Arbeit von Wissenschaftlern deutlich verändern.

Alle diese Punkte unterscheiden sich und haben doch etwas gemeinsam: Es geht um das Verhältnis von Wissenschaft und Öffentlichkeit, von Hochschule und Diskurs. Es spricht einiges dafür, dass gerade eine neue Epoche der Hochschulgeschichte anbricht.

Solche Epochen sind von inneren und äußeren Veränderungen geprägt. In den 1970er-Jahren zum Beispiel demokratisierten sich die Hochschulen von innen, während viele neue Unis ihren Betrieb aufnahmen. In den 2000er- und 2010er-Jahren waren die Hochschulen mit großen Strukturreformen in Lehre und Forschung beschäftigt: Sie stellten auf die neuen Bachelor- und Masterstudiengänge um und bewarben sich um die Gelder für den Elite-Uni-Wettbewerb "Exzellenzstrategie", kürzlich zum vorerst letzten Mal. Gleichzeitig begannen immer mehr junge Menschen zu studieren, 2000 waren es 1,8 Millionen, zwei Jahrzehnte später 2,9 Millionen. Rein zahlenmäßig sind die Hochschulen jetzt das, was sie 2016 über sich selbst sagten: "zentrale Akteure in Wissenschaft und Gesellschaft".

Die großen Strukturreformen sind nun vorbei, Energie wird frei für Neues. Und jetzt passiert etwas, womit niemand gerechnet hat: Junge politische Köpfe drängen an die Hochschulen, nicht die Kreditpunktesammler und Regelstudienzeitfanatiker, wie man es immer befürchtet hat.

Vielleicht ist das die Reifeprüfung für ein ganzes Hochschulwesen. Für eine neue "Bewusstseinsbildung", wie die Medizinethikerin Alena Buyx von der TU München es nennt. Jetzt entsteht ein Raum für innere Veränderungen. Um einen guten Diskurs unter Studierenden zu finden. Um Forschern zu ermöglichen, in die Öffentlichkeit hineinzuwirken. Um mit neuen Formen der Digitalität in Forschung und Lehre zu experimentieren.

Auf die Hochschule der Strukturreformen folgt die Hochschule des Diskurses. Und es ist klar: Was an den Hochschulen diskutiert wird, wird Auswirkungen auf die ganze Gesellschaft haben. Vielleicht so stark wie seit 50 Jahren nicht mehr. Wer spricht? Wie? Über wen? Und wo?

Für Forscherinnen und Forscher ist dieser Veränderungsprozess bereits in vollem Gange. Sie diskutieren intensiv, berichtet die Hamburger Klimasoziologin Anita Engels, "inwieweit sich Wissenschaftler einmischen sollten in politische Debatten". Buyx hält das gar für ihre ureigenste Verantwortung.

Zu dieser Verantwortung wurden die Wissenschaftler in dieser Woche ermutigt.

Ausgewählte Quellen und Links zu diesem Thema finden Sie hier