Das Haus, in dem meine Partnerin, ihre beiden Kinder und ich zur Miete wohnen, steht am Stadtrand von Hannover, es hat drei Stockwerke, große Fenster und sieht aus wie ein U-Boot. Aber das Besondere ist das, was man nicht auf den ersten Blick erkennt: Das Haus wurde aus recycelten Materialien gebaut, sozusagen aus Müll. Die Fassade besteht aus gebrauchten Wellblech- und Glasprofilen. Das Dämm-Material aus alten Jutesäcken. Die Fenster stammen aus einem ehemaligen Jugendzentrum. Und das Holz, mit dem der Carport verkleidet ist, aus einer Sauna.

© privat

Unser Haus ist das vermutlich erste Recyclinghaus Deutschlands. Als wir vor einigen Monaten darauf aufmerksam wurden, konnten wir mit dem Begriff noch nichts anfangen. Aber wir waren sofort verliebt.

Wir erfuhren, dass das Architekturbüro Cityförster, von dem der Entwurf stammt, allein durch die alten Fassadenteile 4.500 Kilogramm CO₂ einsparen konnte. Die Idee ist, Bauen nachhaltig zu machen. Rohstoffe sind endlich. Warum sollte man abrissreife Häuser also nicht als Rohstofflager begreifen? Und alte Materialien wie Stahl, Stein oder Holz, die sonst entsorgt werden, dafür benutzen, etwas Neues zu erschaffen?

Wir bezahlen nicht mehr Miete als in dieser Gegend üblich. Dabei war der Bau des Recyclinghauses mindestens 25 Prozent teurer als der Bau eines normalen Hauses. Wir haben sechs Zimmer – eine große Wohnküche, ein Schlafzimmer, zwei Kinderzimmer, ein Arbeits- und ein Gästezimmer. Außerdem zwei Bäder, ein Gäste-WC und eine große Dachterrasse. Insgesamt sind es 145 Quadratmeter Wohnfläche. Am besten finden wir die vielen kleinen Details. Die Einbauschränke im Flur und in der Küche wurden aus Spanplatten vom Messebau gefertigt. Die Teppiche im Obergeschoss bestehen aus alten Fischernetzen. Der Boden im Untergeschoss, eine Art Terrazzo, aus alten Beton- und Ziegelresten.

In unserem Mietvertrag ist geregelt, dass die Architekten mehrmals im Jahr Besuchergruppen durchs Haus führen dürfen. Wir haben nichts dagegen. Die Besucher staunen, und wir erfahren bei jeder Führung etwas Neues über unser Haus. Die Türen im Erdgeschoss stammen zum Beispiel aus einem alten Bauernhaus. Und der Spritzschutz über den Waschbecken im Bad ist ein Mosaik, gefertigt aus den Kronenkorken einer hannoverischen Brauerei. Hinter jedem Detail verbirgt sich eine Geschichte. Und dennoch sieht alles aus wie neu.

Wenn Sie in unserer Rubrik "Wie es wirklich ist" berichten möchten, melden Sie sich bei uns: wirklich@zeit.de