Lieber René Pollesch,

ich war neulich im Berliner Friedrichstadt-Palast, um Ihr neues Theaterstück zu sehen, Glauben an die Möglichkeit der völligen Erneuerung der Welt. Die Kritiken hatten ein kluges Werk versprochen, eine dramatische Dekonstruktion mit den Mittel des Revuetheaters. Aber nein.

Was ich zu sehen bekam, war dieselbe unausgegorene Kapitalismuskritik, die mir seit 20 Jahren von deutschen Bühnen entgegenschallt. Nichts Gefährliches. Nichts Scharfes. Bloß die willkürlichen Behauptungen eines weiteren privilegierten Staatstheaterangestellten, der an der Hand knabbert, die ihn füttert, und dem der Mut fehlt, zuzubeißen.

Wenn ich meiner Zeitungsredaktion in Dublin den Text Ihres Stückes anbieten würde, würde man ihn als seicht verlachen. Irgendwie hat es eine kleine Gruppe deutscher Theatermacher (es sind fast immer Männer) geschafft, ein Krümmungsfeld um ihre Bühnen herum zu errichten, das Oberflächlichkeit tiefgründig erscheinen lässt.

Nach zwei Jahrzehnten in diesem Land bin ich fast amüsiert darüber, wie wenig sich in der deutschen Theaterwelt verändert hat. Es gibt immer noch:

- das Stück vom Typ A: Geschreie und Gescheiße, mit vollkommen vorhersehbaren Provokationen wie der Vergewaltigung einer Frau oder eines in Trümmer gehenden Bühnenbildes.

- Typ B: die Gruppendenkproduktion, in der Schauspieler und Regisseur den Text eines toten Autors auseinandernehmen, ihn mit modischen Motiven und irgendwelchen Zitaten aus anderen Werken/Büchern/Philosophien vollstopfen, ohne zu erklären, was die bedeuten sollen oder hier zu suchen haben.

- Typ C: das unterkühlte Drama. Teures Bühnenbild, nuschelnde Darsteller, die gefilmt und in die Kulisse projiziert werden, um eine Tiefe vorzugaukeln, die der Inhalt nicht bietet.

Sie brauchen dringend neue Ideen, Herr Pollesch. Hier wären drei – getragen vom Glauben an die Möglichkeit der völligen Erneuerung der deutschen Theaterwelt:

1. Eine Kombination aus dem Film Funny Games und dem Musical 9 to 5: Ein alternder deutscher Theaterregisseur wird von drei Ex-Freundinnen/Ex-Ensemblemitgliedern entführt und gezwungen, nackt über die Bühne zu hüpfen, um seinen Lebensunterhalt zu verdienen. Sie fesseln ihn und schneiden nach und nach seine Körperteile ab, weil sie wissen wollen, was sein Problem mit Frauen ist – und warum jahrzehntelang niemand steuerfinanzierte Frauenfeindlichkeit hinterfragt hat.

2. "Des Gefangenen Kaisers Neue Kunst-Kleider" (frei nach Hans Christian Andersen/Czesław Miłosz/Yasmina Reza): ein Stück über die Lobkartelle des deutschen Theaters. In den Hauptrollen: ein ängstlicher Kulturstaatsminister, ein unsicherer Theaterkritiker und ein hipper Zuschauer. Die drei schauen ein neues Stück-im-Stück – eine leere, weiße Bühne, auf der nichts passiert – und versuchen dabei krampfthaft ihre wahren Gefühle – Unverständnis und Verachtung – zu unterdrücken, wohl wissend, wie hoch die sozialen Kosten wären, den Regisseur einen "Spießer" zu nennen.

3. "Töte deine kapitalistischen Lieblinge": Ein deutscher Theatermacher, der berühmt ist für seinen Mittelklasse-Kapitalismusspott, verlässt seine Blase, um undercover das neue deutsche Prekariat zu erkunden. Sein neues Stück wird so kritisch gegenüber der Welt, in der er lebt, und gegenüber den rücksichtslosen Konsumgewohnheiten seiner Freunde, dass er seinen Job am staatlichen Theater verliert. Den zweiten Akt verbringt der Ex-Regisseur in seinem Job, in dem er versucht, Pakete für den Online-Händler sisyphos.com zuzustellen. Der zunehmende Druck von Zeit, Geld und Kapitalismus setzt ihm zu. Er schafft es nicht, die Pakete zuzustellen, bringt sich um, und alle applaudieren.

Klauen Sie ruhig meine Ideen, Herr Pollesch. Ich werde es gar nicht mitbekommen, denn ich werde mir keines Ihrer Stücke mehr anschauen. Nach zwanzig Jahren in Deutschland liebe ich das Theater so sehr, dass ich lieber ins Kino gehe.