DIE ZEIT: Vor 30 Jahren haben fast alle Staaten der Welt einen Vertrag unterschrieben, der Kindern Rechte zusichert. Werden die heute überall eingehalten?

Rudi Tarneden: Leider nein. Noch immer leben Millionen von Kindern auf der Welt in Armut. Und vielen widerfährt großes Unrecht. In Indien zum Beispiel werden etliche Kinder bei der Geburt noch immer nicht registriert, obwohl das die Kinderrechtskonvention vorschreibt.

ZEIT: Was ist daran das Problem?

Tarneden: Wer keine Geburtsurkunde hat, kann nicht beweisen, wie er heißt und welche Staatsangehörigkeit er hat. Diese Kinder sind lebendig – offiziell gibt es sie aber nicht. Sie können später oft nicht eingeschult werden. So lernen sie nicht lesen, schreiben und rechnen. Welche Berufe sollen sie ergreifen, wenn sie erwachsen sind? Es geht aber auch darum, ernst genommen zu werden. Ein Mädchen aus Afghanistan hat einmal zu mir gesagt: Ich möchte lernen, um jemand zu sein. Das hat mich sehr berührt.

ZEIT: Werden auch in Deutschland Kinderrechte verletzt?

Tarneden: Ja, in einer Stadt wie Essen im Ruhrgebiet etwa wächst fast jedes dritte Kind in einem armen Zuhause auf. Aus vielen Studien weiß man, dass arme Kinder bei uns benachteiligt sind. Es gibt auch bei uns eine große Kluft zwischen denen, die behütet aufwachsen und gefördert werden, und anderen, die von Geburt an deutlich weniger Chancen haben.

ZEIT: Was hat sich durch die Kinderrechte verbessert?

Tarneden: Die Regeln haben Regierungen dazu gebracht, Kinder mehr zu schützen. Die Gesundheitsversorgung weltweit hat sich wirklich verbessert, es müssen heute auch weniger Kinder arbeiten als noch vor 30 Jahren. Aber den größten Erfolg sehe ich darin, dass die Meinung von Kindern heute viel mehr zählt.

ZEIT: Ist das so?

Tarneden: Ja, ich erlebe das oft bei Versammlungen der Vereinten Nationen. Egal, ob es um Kinder im Krieg geht, um Umwelt- oder um Bildungsfragen, die betroffenen Kinder werden gefragt. Oft sind sie die stärksten Redner.

ZEIT: Warum hat man die Kinder früher nicht gefragt?

Tarneden: Als ich klein war, wurden Kinder oft als Anhängsel angesehen. Sie sollten still sein und gehorchen. Heute hören Erwachsene mehr darauf, was Kinder sagen. Es bringt sie zum Nachdenken, manchmal sogar zum Handeln. Das sieht man gerade ja auch an Greta Thunberg.

ZEIT: Dennoch gibt es in Deutschland keinen Kinderrat, der gemeinsam mit Politikern entscheidet ...

Tarneden: Das stimmt, da ist noch viel zu tun. Das sagen auch die Kinder selbst. Das haben sie uns gerade in einer großen Umfrage bestätigt. Sie wollen ihre Meinung sagen, zu Hause, in der Schule, aber auch dort, wo sie leben. Zum Beispiel, wenn ein Spielplatz oder neue Straßen geplant werden. Aber nur ein kleiner Teil der Städte und Gemeinden bezieht die Kinder ein. Dabei ist es ihr Recht, dass man ihnen zuhört. Entscheidungen werden so auch besser.

ZEIT: Kennen die Kinder selbst ihre Rechte denn gut genug?

Tarneden: Nein, die meisten Kinder auf der Welt wissen zu wenig darüber – genauso wenig übrigens wie Erwachsene. Selbst an den deutschen Schulen werden nur selten die Kinderrechte gelehrt. Aber erst wenn man weiß, was einem zusteht, kann man es einfordern. Und man kann auch erkennen, wenn einem Unrecht angetan wird, und Stopp sagen.

ZEIT: Können Sie das genauer erklären?

Tarneden: Ich meine dabei zum Beispiel Kinder, die Gewalt erleben. Wer in der Familie geschlagen oder gequält wird, hält das oft für normal. Er kennt es ja nicht anders. Wenn ein Kind aber weiß, dass Eltern nicht hauen dürfen, holt es sich schneller Hilfe. Die Kinderrechte sind nicht nur ein Regelwerk für Regierungen, sie ändern auch im Kleinen unser Zusammenleben. Und wie Erwachsene Kinder behandeln.

Die Fragen stellte Maria Rossbauer