Im Grunde sprach wenig für diese 30 Jahre andauernde Frauenfreundschaft zwischen zwei prominenten DDR-Autorinnen. Christa Wolf (1929 bis 2011) und Sarah Kirsch (1935 bis 2013) waren zwei in Temperament, politischer Orientierung und Charakter entgegengesetzte Naturen: Die eine seit 1949 Mitglied der SED und zu Beginn des Briefwechsels im Januar 1963 Kandidatin des Zentralkomitees der Partei; die andere, zeitlebens Unangepasstere, die 1976 aus der SED Ausgeschlossene, war am Beginn der Freundschaft eine unbekannte Studentin am Leipziger Literaturinstitut Johannes R. Becher, verheiratet mit dem Lyriker Rainer Kirsch. Der Ehemann der neuen Freundin verhalf den Kirschs zu einem ersten gemeinsamen Gedichtband. Die Konstellation enthielt von Anfang an Sprengstoff, begann aber glücklich.

Die "lieben Wölfe" und die "lieben Kirschen" oder etwas salopper: "Cherries" versorgen sich mit Geburtstags- und Urlaubsgrüßen von der Ostsee oder aus Georgien. Gerhard Wolf, schon immer ein umtriebiger Literaturvermittler, redigiert väterlich die Gedichte der angehenden Lyrikerin und erkennt als Erster ihre außergewöhnliche Begabung ("Du bist unter unseren deutschen Frauen Deiner Generation allein auf weiter Flur"). Ein frauenbündlerischer Ton stellt sich zwischen den Autorinnen erst zu Beginn der Siebzigerjahre ein, nachdem Sarah Kirsch sich von ihrem Mann getrennt hat und alleine in Berlin lebt. Hier freut sie sich über "warmes Wasser in der Leitung" und über die Geburt ihres Sohnes, dessen Vater Karl Mickel ("es ist eine Schande, wie ich den K. liebe, da könnte ich Bomben werfen") inzwischen leider weitgehend vergessen ist, aber zu den bedeutendsten DDR-Autoren zählte. Die "liebe", auch mal "sehr liebe Christa" wird zur Vertrauten dieser strapaziösen Künstlerliebe, die für Kirsch enttäuschend endet ("nun hapsch di Errkenntniß kewonnn taß eß kar keine Liieebe gibt (...). Man kann zisch ain pißschen ssex okanneziern unnt vertisch"). Christa Wolf, von 1951 bis zu ihrem Tod 60 Jahre mit Gerhard verheiratet, bestaunt diese ihr "unbekannte Spielart von 'Liebe'" und ermahnt die "vielliebe Sarah", nicht nur "reine unvernünftige Leidenschaft regieren" zu lassen.

Das bleibt das Urmuster dieser Freundschaft zwischen der unermüdlich kompromissbereiten und zum tapferen Durchleiden des angeblich Vernünftigen entschlossenen Romanautorin und der unzähmbaren Dichterin, die nicht nur Ehen und Liebhaber, sondern nach 1977 auch ihre DDR-Staatsbürgerschaft, ohne zu fackeln, auf den Schutthaufen der Geschichte wirft. Noch Jahre später, als Sarah Kirsch wieder einmal leidenschaftlich verliebt in der Villa Massimo in Rom unvernünftigerweise "jeden Tag stundenlang glücklich" ist, warnt Christa Wolf aus dem grauen Ostberliner Winter, es seien "schon ganz andere im Süden hängen geblieben und in Sonne und Liebe und Faulheit verdorben und vergangen". In der gemeinsamen Zeit in der DDR bedankt Sarah Kirsch sich noch freundlich für die "großen, rauhen, mütterlichen" Ratschläge der strengen Freundin, die in Sachen Liebe gut reden habe mit ihrem "schönen heilen Hinterland im Rücken". Später, als sie längst im Westen lebt und sich auf ihren Landsitz im Schleswig-Holsteinischen zurückgezogen hat, setzt sie sich gegen die Unterweisungen aus dem preußisch-protestantischen Leidensrevier deutlicher zur Wehr. Das Verhältnis kühlt langsam aus. "Man treibt auseinander, will es gar nicht, wird getrieben", schreibt Christa Wolf 1984 nach Tielenhemme, wo Sarah Kirsch sich inzwischen ganz ihren gärtnerischen Passionen ergeben hat. Der Briefwechsel besteht seither vor allem aus Nachrichten vom Gedeihen der Glyzinien, Akeleien, Weidenröschen, Schleierkräuter und Herbstastern. Der tibetanische Mohn, rät die berühmte Lyrikerin der Ostberliner Großschriftstellerin, dürfe niemals mit Kalkwasser gewässert werden.

Doch was so harmlos klingt, ist es nicht. Die farbigen ländlichen Lobpreisungen der Kirsch, an die man sich als die deutschsprachige Pionierin des nature writing erinnern muss, sind voller politischer Untertöne. Die in der DDR ausharrende Freundin, deren kulturpolitische Rolle der ausgereisten Sarah Kirsch immer weniger geheuer ist, möge sich doch ebenfalls zurückziehen in ihr Pfarrhaus in Woserin, "zurück in die Illegalität", zurück ins "eigentliche und innerliche wunderbare Mecklenburg". Das Landleben ist für Kirsch Chiffre und Voraussetzung für innere Freiheit und Staatsferne. Noch 1990 versucht sie die im Literaturstreit um die Novelle Was bleibt schwer angegriffene Freundin vom Eiderdeich aus zur Stadtflucht zu bewegen: "Man muss nicht in Ländern, nur stets auf dem Land sein, (...) alles andere ist +– eitel." Das klingt zwar nach Eskapismus, ist aber auch ein die beiden Autorinnen literarisch verbindendes Motiv von einem weiblichen Sonderweg, der weitab von der männlich dominierten Großstadt in der Stille und Abgeschiedenheit des Landlebens verläuft, wo nichts abstrakt und der Umgang mit den Gegebenheiten vor der Tür konkret und individuell ist. Eine Idylle ist das nicht: Das Unheimliche, der Tod und das Katastrophische gehören genauso hierher wie das bukolische Entzücken über rot flammende Quittensträucher und weiße Nächte unter blühenden Linden.

Die Idee zu dieser subversiven Landutopie entstand im Sommer 1976 vor der Biermann-Ausbürgerung im Freundinnen-Netzwerk der DDR-Autorinnen, zu dem neben Kirsch und Wolf auch Helga Schubert und die bereits schwer an Krebs erkrankte Maxie Wander gehörten. Die romantische Schwesternschaft erlebte im Landhaus der Wolfs in Neu Meteln unvergessliche Tage und Nächte "fernab von allem, was sich Mann nannte, (...) fernab von allem, was uns von uns abdrängen und kujonieren und in Besitz nehmen will", wie Christa Wolf später im Roman Sommerstück über diesen Sommer aller Sommer schreiben sollte. Der Roman macht aus dem von Töchtern und schreibenden Freundinnen besetzten Landhaus eine Arche, in der man spürt, dass "das, wonach wir uns sehnten, als Möglichkeit in uns angelegt war", in der man einmal tut, "was man tun will", und "genau das sagt", was man sagen möchte. Dass der griechische Ehemann der Freundin und Nachbarin auch in diesem Jahrhundertsommer jedes Gespräch am Küchentisch haarklein der Stasi hinterbrachte, erfuhr man erst Jahrzehnte später.

Immer wieder kreisen die Briefe der Achtzigerjahre um die verlorene Zeit und um die Bücher der beiden Autorinnen, die diesen Sommer noch einmal beschwören sollen. Sarah Kirsch veröffentlicht 1988 ihren Bericht über den Sommer im Prosabuch Allerlei-Rauh, Christa Wolf arbeitet seit 1976 immer wieder an ihrem "persönlichsten Buch", wie sie Sommerstück nennt, das 1989 endlich erscheint. Doch bei dem Buch bleibt es, aufs Land will sich Christa Wolf nicht ernsthaft zurückziehen. "Die Möglichkeit zu solchem lebendigen Leben in mir", schreibt sie der Freundin nach Tielenhemme, könne sie seither zwar "kaum noch wiederfinden". Sie lebe nicht wirklich, sie trage eine Maske, die sie nicht mehr absetzen könne. Aber sie muss nun einmal ihre zahllosen Verpflichtungen im Literaturbetrieb der DDR erfüllen, von denen heute niemand mehr etwas weiß. In Erinnerung bleibt der traurige Satz aus dem Sommerstück: "Heute scheinen wir keine stärkere, schmerzlichere Sehnsucht zu kennen als die, die Tage und Nächte jenes Sommers in uns lebendig zu halten."

Sarah Kirsch, die im Sommerstück als Bella einen sympathischen Auftritt als couragierte Maulwurfsmörderin hat, lobt das Buch, mit dem sich ihre Schwesternschaft erfüllt hat. Ende 1990 bricht der Kontakt dann gänzlich ab. Der Enttäuschung Christa Wolfs über die Wiedervereinigung, ihren Träumen von einer reformierten DDR kann Sarah Kirsch nicht mehr folgen. "Dieser Kinderglaube, daß in der BRD die Barbaren sitzen": über den zürnt sie, außer sich vor Empörung und mühsam gezügeltem Zorn. Ihre letzte Botschaft an die Freundin: "Hoffentlich kannste die Politik auch mal wieder dahin rücken wo sie hingehört, diesz wünsche ich sehr doch von Herzen, sonst ist es kaum möglich zu schreiben."

Sarah Kirsch/Christa Wolf: "'Wir haben uns wirklich an allerhand gewöhnt' –  Der Briefwechsel". Suhrkamp Verlag, Berlin 2019; 456 S., 32 €, als E-Book 27,99 €