© Illustration: Oriana Fenwick für DIE ZEIT

"Vielleicht", sagt Calle Myrsell verschwörerisch und drückt mir eine kleine türkisfarbene Packung in die Hand, "liegt es am schwedischen Hafer." Calle, ein gemütlicher, rotwangiger Schwede in Pumphosen und Weste, muss wissen, was das Geheimnis des perfekten Porridges ist: Er gewann 2018 die Weltmeisterschaft im Porridge-Kochen.

Wir stehen im engen Flur der Dorfhalle von Carrbridge, einem 700-Seelen-Ort in den schottischen Highlands, von dessen Hauptstraße man die Berge des Cairngorms-Nationalparks goldbraun schimmern sieht. Hier wird seit 26 Jahren die Porridgeweltmeisterschaft, genannt "Golden Spurtle", ausgetragen. Heute kocht Calle mit 29 anderen um den Titel. Aus elf Ländern sind Menschen in das kleine Dorf gereist, aus Deutschland, Belgien oder Kanada. Neben uns stapeln sich Kisten mit Töpfen, Tupperware und Kochutensilien.

Für mich war Porridge bisher: ein süßes Frühstück für dunkle Tage, an denen man mit einem warmen Bauch durch den Winter kommen will. Es war nichts, wovon ich stolz erzählt hätte ("Du magst Haferschleim?"). Vor ein paar Jahren zog ich nach Berlin und sah in Cafés zunehmend "Porridgebowls" mit Gedöns: gerösteten Kokoschips, Chiasamen, Zedernkernen, Kürbiskernöl.

Dabei gibt es Porridge schon ewig. Bereits die Römer schätzten Haferbrei auf langen Wanderungen und brachten ihn vor etwa 2000 Jahren vom Mittleren Osten bis nach Großbritannien. Besonders im nasskalten Schottland gedieh der Hafer. Dort wurde Porridge zum Nationalgericht. Wo könnte man besser herausfinden, wie es wirklich schmeckt?

Für ihr Porridge, erklärt mir die Kochbuch-Autorin Liz Ashworth in der Carrbridger Dorfhalle, benutzen die Schotten traditionell nur drei Zutaten: Haferschrot, Wasser und Salz. Ohne Letzteres schmecke der Brei zu fade. Während die Teilnehmer der Porridge-WM noch in ihren Töpfen rühren, hole ich mir aus einem Nebenraum, in dem die Zuschauer probieren dürfen, ein Schälchen. Anders als zu Hause sieht meine Portion schon mal aus: weniger weiß, sondern hellbraun und kernig. Das liegt daran, dass Milch fehlt. Die macht Porridge zwar cremiger und süßer, war in kargen Zeiten aber Luxus. Und in der Wettkampf-Kategorie "Traditionell", die gerade zum Probieren gereicht wird, kocht man nur mit dem, was nötig ist. Die Konsistenz erinnert an zerfallenen Risottoreis: Anders als die weicheren, bereits gewalzten Haferflocken wird das harte Schrot eingeweicht, am besten über Nacht. Ich löffle. Es schmeckt salzig, sämig und nussig. Was ich esse, ist ein nahrhafter Urbrei, mehr Arbeitsgrundlage als Nachtisch.

Eine Arbeitsgrundlage war Porridge in Schottland tatsächlich lange, erzählt Liz. Es war ideal für Bauern und Hirten: Mit etwas Wasser vermengt, wurden Haferflocken auch unterwegs zur Mahlzeit. "Wer Kilt trug und daher keine Hosentaschen hatte, steckte sich etwas Hafer in die Gürteltasche." Manche hätten auch einmal in der Woche einen großen Topf Brei gekocht, ihn in eine Schublade geschüttet und an den Tagen darauf in Scheiben geschnitten gegessen. Kein Wunder, dass der spurtle, nach dem die WM benannt ist, in Schottland erfunden wurde: ein Holzstab, der an einen dicken Kochlöffelstiel erinnert und durch seine schmal zulaufende Form in alle Ecken des Topfes kommt. Klumpen darf Porridge nämlich auf keinen Fall.

Obwohl alle Teilnehmer der traditionellen Kategorie nur drei Zutaten verwenden, schmeckt jedes Porridge anders. Der Brei gerät schnell zu hart oder zu lasch. Am besten schmeckt mir Calles Porridge: Es ist weich, aber ein kleines bisschen körnig, mit einer Prise Salz, die man gerade erahnt. Statt Calle gewinnt zwar Lisa Williams, eine Sozialarbeiterin aus Suffolk. Ich bin trotzdem zufrieden: Calle steckt mir sein Rezept zum Abschied zu.