Nicht erst seit Bernd Lucke legen sich Studierende in Hörsälen mit Professoren an. Eine kleine Geschichte des Niederbrüllens.

Professor

2019

Bernd Lucke, Mitbegründer der AfD, kehrt als Dozent an die Universität Hamburg zurück – woraufhin mehrere Hundert Studierende ihm zeigen, dass sie ihn nicht zurückhaben wollen. "Hau ab!", schreien sie. Es entwickelt sich eine Debatte um Meinungsfreiheit und darum, wer was überhaupt noch sagen kann. Natürlich ist Lucke nicht der Erste, dessen Vorlesung gestört wird.

Mal ist der Protest gegen Dozenten und Rednerinnen einfach nur laut (wie bei Cicero), mal zeigt er sich brutal (wie in den Zwanzigerjahren). Manchmal äußert er sich aber auch mit anderen kreativen Mitteln – wie 1747 mit Hüten.

1969

Studenten in Frankfurt am Main streiken und besetzen Hörsäle. Als sie auch das Institut für Sozialforschung besetzen wollen, ruft Theodor W. Adorno die Polizei. Bei seiner nächsten Vorlesung folgt die Rache: Drei Studentinnen laufen zu Adorno ans Podium. Ohne Oberteil tanzen sie um ihn herum. Adorno – peinlich berührt – weiß nicht, wohin mit sich. Schließlich läuft er aus dem Hörsaal.

1926

An der Technischen Universität Hannover hetzen antisemitische Studenten gegen den jüdischen Philosophieprofessor Theodor Lessing. Sie gründen einen "Kampfausschuss gegen Lessing", fordern seine Entlassung und belagern seinen Hörsaal. Als Lessing die Hochschule verlässt, laufen sie ihm hinterher und bewerfen ihn mit Erdklumpen. Später besetzen 700 Studenten, mit Stöcken bewaffnet, den Eingangsbereich der Hochschule. Lessing hört mit seinen Vorlesungen auf und reist als Redner durch Deutschland. 1933 wird er im Exil von Nationalsozialisten erschossen.

1893

Der Marburger Medizinprofessor Eduard Külz hasst faule Studenten – und die Studenten hassen ihn. Sie schimpfen über seine schroffe Art. Es heißt, er habe Schwänzer von einem Gehilfen "aus den Federn holen lassen". Also planen sie den "demonstrativen Bummel": Zwei Stunden lang spazieren 500 Studierende vor dem Hörsaal herum, nur eine Handvoll sitzt noch in der Vorlesung. Külz ist beleidigt, muss am Ende aber eine Erklärung schreiben, in der er verspricht, die Studenten besser zu behandeln.

1747

In Göttingen ärgert sich Georg Christian Gebauer über die Mode, dass die Studenten während der Vorlesung außergewöhnlich große Hüte tragen. Der Rechtsprofessor fordert seine Studenten auf, ihre Kopfbedeckung abzunehmen. Doch der Trend hält sich hartnäckig: Die Studenten behalten ihre Hüte auf. Gebauer muss sich damit abfinden. Trotzdem demolieren ihm die Studenten später den Garten und werfen seine Fenster ein. Einer der Täter wird zu zwei Wochen, der Haupttäter zu sechs Wochen Karzer verurteilt.

1549

Der Theologe Peter Martyr Vermigli hat an der Universität Oxford einen nervigen Vorgänger: Richard Smyth sitzt im Hörsaal und versucht, mit Zwischenrufen seinen Nachfolger zu widerlegen. Mit ein paar Studenten macht Smyth Krach – sie wollen eine Diskussion erzwingen. Daraufhin kommt der Rektor, es ist von einem Handgemenge die Rede. Zu einer später anberaumten Diskussionsveranstaltung taucht Smyth nicht mehr auf.

52 vor Christus

Milo hat Clodius umgebracht. Alles richtig gemacht, findet Cicero, der Clodius sowieso nicht ausstehen konnte. Als er zur Verteidigungsrede vor Gericht ansetzt, rufen seine Gegner ständig dazwischen. Cicero kommt durcheinander, redet wirr vor sich hin – und verliert den Prozess. Später veröffentlicht er die Textversion der Rede, die er eigentlich halten wollte.


Quellen: Stefan Brüdermann hat Anekdoten gesammelt: "Göttinger Studenten und akademische Gerichtsbarkeit im 18. Jahrhundert". Wie die Theologen Martyr und Smyth sich zofften, hat uns der Geschichtsprofessor Marian Füssel von der Universität Göttingen berichtet. Der Streit um Professor Külz ist beschrieben im "Marburger Karzer-Buch. Kleine Kulturgeschichte des Universitätsgefängnisses".

Links zu diesen und weiteren Quellen finden Sie hier.