Egal wie der Fall ausgeht, er schreibt schon jetzt Rechtsgeschichte. Zum ersten Mal klagen Tiere in Deutschland ein Recht auf Schmerzfreiheit ein. Im Namen männlicher Ferkel hat die Tierrechtsorganisation Peta am Dienstag dieser Woche in Karlsruhe Verfassungsbeschwerde eingelegt. Der Vorwurf: Die massenhafte Kastration junger Schweine verletze diese in ihrem Grundrecht auf körperliche Unversehrtheit. Nicht nur der Mensch, sondern auch andere Kreaturen, vor allem Wirbeltiere, hätten einen im Grundgesetz verbürgten Anspruch darauf, vor unerträglichem Leid bewahrt zu werden.

Kein Zweifel, für den Fleischgenuss bestimmte männliche Ferkel müssen oft schreckliche Qualen ertragen: Um den durch Sexualhormone hervorgerufenen unangenehmen Ebergeruch zu vermeiden, dürfen ihnen bis zu ihrem achten Lebenstag die inneren Geschlechtsorgane entnommen werden. Mit einem Skalpell wird ihnen dabei die Hodenhaut durchschnitten, werden die Samenstränge durchtrennt und anschließend die Hoden entfernt. Der chirurgische Eingriff findet mal unter Narkose, in anderen Fällen ohne Betäubung statt.

Zahlreiche Gutachten belegen, dass beide Methoden bei den Ferkeln schwere Angstzustände und heftige Schmerzen verursachen. Laut Peta schützt das Grundgesetz die Tiere davor. Sie seien, sagen die Rechtsanwälte der Organisation, als Mitgeschöpfe rechtsfähig. Ihre "Schmerzfähigkeit", heißt es in der Beschwerdeschrift, "wird als eine wesentliche Voraussetzung ihres Schutzes angesehen, sie liegt nahezu allen Vorschriften des Tierschutzgesetzes zugrunde."

Die Ferkel sollen sich eigenständig vor Gericht gegen ihre Kastration wehren dürfen? Gehört diese Vorstellung nicht in das Reich der Fabelwelt, in George Orwells Farm der Tiere?

Die Richter in Karlsruhe könnten es sich leicht machen und die Verfassungsbeschwerde mit einem bis heute weithin akzeptierten Argument vom Tisch wischen: Träger von Rechten ist allein der Mensch oder eine juristische Person, nicht aber das Tier. So sah es das Hamburger Verwaltungsgericht, als es 1988 eine Klage von Robben gegen die Vergiftung der Nordsee erst gar nicht zuließ. Oder ein US-Gericht, als es die Klage eines schwer leidenden Schimpansen auf Freilassung aus seinem Käfig ablehnte.

Doch die Sache mit den Ferkeln ist komplizierter, sie stecken nämlich in einer juristischen Falle. Von Gesetzes wegen sollte längst Schluss sein mit ihrer Pein. Schon 2013 beschloss der Bundestag den Ausstieg aus der betäubungslosen Kastration und gewährte den Züchtern für die Einführung schmerzfreier Methoden eine Frist bis zum Januar 2017. Doch weil die Landwirte mit der Umstellung nicht nachkamen, wurde die Frist immer wieder verlängert, erst bis Anfang 2019, dann bis zum 31. Dezember 2020.

Die Folge: Allein in diesem Jahr wurden noch einmal zwischen 20 und 25 Millionen Ferkel der grausamen Kastrationsprozedur unterzogen, bis Ende des kommenden Jahres werden es weitere Millionen sein. Wer also kann den tierischen Qualen ein Ende setzen, wenn sich der Gesetzgeber nicht an seine eigenen Vorgaben hält? Im Grunde nur die Schweine selbst – mithilfe des Verfassungsgerichts. So völlig abwegig ist die Idee nicht, ihnen in dieser Notlage ein eigenes Recht auf körperliche Unversehrtheit zuzugestehen. Wie aber stellt man ein Tier dem Menschen rechtlich gleich?

Für Aristoteles waren Tiere den Menschen absolut untergeordnet, René Descartes sah in ihnen bloß seelenlose Maschinen, und für Immanuel Kant unterschied sich der Mensch dank der ihm eigenen Vernunftfähigkeit von anderen Kreaturen. Der Mensch handele, Tiere verhielten sich nur.

Doch der Blick auf Tiere hat sich mit der Zeit und dem wissenschaftlichen Fortschritt fundamental gewandelt. Heute wissen wir, dass Tiere oft viel klüger und sensibler sind, als lange behauptet wurde. Dass sich zum Beispiel Schimpansen an Vergangenes erinnern und für die Zukunft planen und dass viele Tierarten lieben, denken, Empathie empfinden und leiden wie ein Mensch.