Letzte Ehre – Seite 1

"Manchmal, nach großen Unglücken, findet die Trauer auch schon wieder zurück in die Kirche. Es ist gut, wenn man dort die Rituale des Abschieds noch kennt." © psychoshadow/​PantherMedia GmbH 2019

Oskar Maria Graf, der Bäckerbub aus Berg am Starnberger See, ist vor 52 Jahren in New York gestorben. Er war ein wunderbarer Schriftsteller; kein anderer hat das Bayerische, das bayerische Leben und das bayerische Sterben so echt dargestellt wie er. Das großartigste Buch, das er geschrieben hat, ist Das Leben meiner Mutter. Oskar Maria Graf schildert darin, wie seine Mutter seit ihrer frühesten Kindheit nur Arbeit, Arbeit und noch mal Arbeit kannte. Und er schildert sehr fein ihren strengen Katholizismus, ihre Frömmigkeit und ihren Glauben, der ihr Halt und Zuversicht gab. Sie werkelte und betete ihr ganzes Leben mit Inbrunst und Ausdauer.

Als ich das Buch vor langer Zeit zum ersten Mal gelesen habe, war ich tief berührt von der Zufriedenheit dieser Frau, bei aller Härte und Brutalität des Lebens. Das war das eine Gefühl, das ich beim Lesen hatte. Mein anderes Gefühl war ein großer Respekt vor diesem Schriftsteller, der seiner Mutter ein so wunderbares Denkmal setzen konnte, wie Graf das getan hat – schöner als jeder Grabstein, schöner als jede Ansprache und jeder Nachruf.

Wenn ich ein Buch über das Leben meiner Mutter schreiben könnte, ein Buch über die "Oma Julie", wie sie bei ihren zehn Enkeln hieß, dann wäre das ein Buch über eine herzlich fromme Frau, die für ihre Kinder so erfrischend viel tat – sie lernte sogar Englisch und Latein mit ihnen, Sprachen, die sie selber nie gelernt hatte; und ich bin mir sicher, sie konnte oft die Vokabeln sehr viel besser als wir drei Kinder. Ich erinnere mich gut daran, wie ich mir einfach das englische Wort für "hören" nicht merken konnte, "to listen". Sie wusste Rat: "Denk doch einfach an den Metzger in der Bauhausgasse, bei dem du die Mettwurst kaufst." Der hieß "Listl". Von da an konnte ich mir "to listen" merken, und ich denke dabei heute noch an eine Mettwurst.

Mutter hatte einen naiven, aber kraftvollen Glauben, der den Glauben an die wundersame Kraft einer Fußwallfahrt nach Altötting, womöglich mit einem Holzkreuz auf der Schulter, einschloss. Die letzten zehn Jahre ihres Lebens hat sie in meiner Nähe im Altersheim verbracht. Wann immer es ging, war ich am Sonntag bei ihr. Wir besuchten zusammen den Gottesdienst, sangen zusammen die alten Lieder. Erst war sie noch gut zu Fuß unterwegs, dann stützte sie sich auf den Rollator, dann kam der Rollstuhl. Wir lachten miteinander, fuhren miteinander spazieren durchs bayerische Oberland – und wenn ich zu schnell fuhr, sagte sie: "Langsam! Ich will noch länger leben." Aber dann wurde sie, wie man so sagt, immer weniger. Es war wie bei der "Abschiedssinfonie" von Joseph Haydn, bei der die Musiker der Reihe nach ihre Noten zuklappen und das Licht auslöschen und sich von der Bühne verabschieden ...

Trauertage – sie sind nicht einfach nur traurige Tage; sie sind mehr. Wer in den vergangenen Monaten einen lieben Menschen verloren hat, der spürt und weiß es: Erinnerung und Trauer ist auch eine Art von Widerstand gegen das Verschwinden dieses lieben Menschen. Und zugleich ist das Trauern Ausdruck des schmerzhaften Wissens, dass der Tod zum Leben gehört. Bisweilen hat man beim Trauern Sehnsucht nach den alten Gebräuchen der Trauer, wie sie sich an den Gedenktagen im November noch erhalten haben: am Monatsanfang Allerheiligen und Allerseelen, die katholischen Gedenktage; am Monatsende der Totensonntag der Protestanten; dazwischen liegt der Volkstrauertag, der staatliche Gedenktag, der an die Kriegstoten und die Opfer von Gewaltherrschaft erinnern soll. Die Tage stehen kalendarisch für eine Kultur der Trauer, die einst einvernehmliche Rituale kannte.

Diese Rituale, die eine christlich-religiöse Basis hatten, schwinden, wohl auch deswegen, weil diese christlich-religiöse Basis schwindet. An ihre Stelle treten individuelle Abschiedsfeiern, aber mehr noch Unsicherheit und Verdrängung im Umgang mit dem Tod, mit den Toten und der Trauer. Der Tod ist ein Störer. Weil er ein Störer ist, wird er heute aus dem Alltag ausgegrenzt. Die Beisetzung muss am Samstag stattfinden, damit sich niemand freinehmen muss. Die Städte werden unter Druck gesetzt, die Beerdigungszeiten auszuweiten, denn der Tod darf das Alltagsgeschäft nicht unterbrechen. Man hat schließlich seine Verpflichtungen. Man hat seine Arbeitsabläufe.

Der Umgang mit Tod und Trauer ist unverbindlicher und unsicherer geworden. Die verblichenen alten bürgerlichen Trauerregeln begannen bei der schwarzen Kleidung und bei fein abgestuften Regeln dafür, wie lange sie wie zu tragen war; diese alten Regeln des Trauerjahrs sind so vergessen, dass man sie selbst im Internet kaum noch findet; selbst das Wort "Trauerjahr" ist vergessen. "Schwarze Kleidung nicht erwünscht", heißt es öfter; das ist wie die Aufforderung "Denken Sie jetzt nicht an einen blauen Elefanten!". Eine Aufbahrung des Toten im Sterbehaus, in der Sterbewohnung, wie sie einst üblich und tröstend war, ist heute für viele schon in der Vorstellung ein Horror. Nach dem Tod heißt es, ob in der Privatwohnung oder in der Klinik: Möglichst schnell weg mit dem Toten! Es gibt allerdings auch die Hospize und Krankenhäuser mit guten Palliativstationen, die dem Wort "Sterbekultur" wieder die Ehre geben.

Die Trauerkultur sei "lockerer" geworden, sagen die Bestatter.

Das Wort "locker" meint vieles; es meint das Ende der alten Riten, es meint auch eine Befreiung von religiöser Bevormundung, einen Freiraum, persönliche Formen zu finden, dem Schmerz Ausdruck zu geben. Aber es meint leider auch eine billigheimerische Entsorgungsmentalität, es meint Verlegenheit, es meint krampfhaften Pragmatismus. Es meint eine Todesverachtung, die dem Leben nicht dient.

Der Tod braucht Raum im Alltag

"Letzte Ehre" sagte man zur öffentlichen Trauerfeier: Es war und ist ein gutes Wort: Auch wenn man den Kummer der nächsten Angehörigen nicht teilt, ehrt man so den Toten und die, die um ihn trauern. Und man kehrt einen Moment ein in sich selbst – und spürt die eigene Seele, die in diesen Sekunden ihre Endlichkeit begreift. Es ist schade, wenn immer mehr die Gesten abhandenkommen, die das zum Ausdruck bringen und dem Tod einen Platz im Leben geben.

Freunde erzählten von einer Szene, die sie im Italienurlaub erlebt haben, auf einer lauten Piazza mit Straßencafés und Souvenirläden: Zwischen den Kunden bahnte sich der Inhaber eines Ladens auf einmal den Weg zur Tür. Er machte sie zu, kurbelte den Rollladen herunter, blieb reglos davor stehen, blickte mit geneigtem Kopf auf den Platz. Auch die Fenster in den anderen Läden wurden verdunkelt; es wurde still. Touristen schauten irritiert. Nur eine Glocke war zu hören: Ein Leichenzug verließ die Kirche, überquerte die Piazza. Für einige Momente standen Zeit und Leben still. In schweigendem Respekt gab man dem Toten und seinen Angehörigen den Weg frei. Der Leichenzug entschwand, die Ladenbesitzer zogen die Rollläden hoch; es wurde wieder laut; das Leben ging weiter.

Die Szene von der italienischen Piazza ist wie ein Echo aus alter Zeit. Heute flüchtet auf dem deutschen Friedhof sogar der Spaziergänger, wenn ein Trauerzug daherkommt; oder er tut so, als sähe er ihn nicht. Mit einer politischen Demonstration kann der Mensch von heute besser umgehen. Was jetzt? Diese Frage steht oft riesengroß auf den Gesichtern derer geschrieben, denen sich die Trauernden nähern. Die Angehörigen des Toten nehmen die Szene aus der umgekehrten Perspektive wahr. Was sieht jemand, der dem Sarg eines geliebten Menschen folgt? Er sieht die Mitmenschen umkehren und fluchtartig das Weite suchen, Menschen, die alles stehen und liegen lassen und selbst vom Grab, das sie gerade pflegen, wegrennen. Andere bücken sich noch tiefer, harken die Erde noch intensiver und zeigen dem Trauerzug den verlängerten Rücken. Manchmal gibt es Menschen, die einfach stehen bleiben, die Beschäftigung unterbrechen, die Kopfbedeckung abnehmen, so sie eine haben, die Hände zusammenlegen, den Angehörigen ihren Respekt und dem Toten mit einem Nicken die letzte Ehre geben.

Heute heißt es oft, dass die Beerdigung "im kleinen Kreis" stattfinden soll, als wäre der Abschied im großen Kreis der Nachbarn und Bekannten etwas Obszönes. Angehörige sagen immer öfter, sie wollten keine Ansprachen – weder die eines Pfarrers noch eines Trauerredners; sie hätten den Verstorbenen schließlich gekannt, da solle man auf Gerede verzichten. Soll man das? Soll man eine Schweigeminute einlegen und den Toten dann buchstäblich sang- und klanglos in die Erde legen?

Wer sich das wirklich selbst so aussucht, dessen Willen muss man respektieren. Viele aber, Zehntausende sind es, suchen es sich nicht so aus. Für immer mehr Menschen ist der kleine Kreis eine Null, weil sie nichts und niemanden mehr haben. Die Zahl der Armenbegräbnisse nimmt zu. Ihnen wird die Trauerfeier versagt, auch Blumen, auch Schmuck, auch Musik, eben jegliches würdevolle "Brimborium". Die Zahl der "ordnungsbehördlichen" Bestattungen von Menschen steigt: Armenbegräbnisse von Leuten, die mittellos, obdachlos, vereinsamt oder verwahrlost gestorben sind und für deren Beerdigung niemand sorgt.

Die Bestattungsgesetze verlangen eine angemessene und würdige Beerdigung. Sie schreiben vor, dass Art und Ort der Bestattung sich nach dem Willen des Verstorbenen und nach dem Empfinden seiner Glaubensgemeinschaft richten sollen. Aber: Wer kontrolliert da schon? In manchen Kommunen ist eine Entsorgungsmentalität eingezogen, die sich damit entschuldigt, dass man ja das Geld von Steuerzahlern ausgebe. Die Kirchen feiern in vielen Städten für ihre Mitglieder "Gottesdienste für Unbedachte". Da werden all die Namen der Verstorbenen genannt, die ohne Trauerfeier und Geleit beerdigt wurden, es wird ihrer gedacht und für sie gebetet, denn jedem gebührt die letzte Ehre, egal, wie elend sein Leben ausging.

Trauer ist nicht nur Privatsache. Der Tod braucht Raum im Alltag. Die alten Familienstrukturen sind zerbrochen, die Menschen leben als Singles oder in Patchwork-Verhältnissen, sie leben mobil und unstet. Die neue Fassungslosigkeit im Umgang mit dem Tod ist das Abbild davon. Auch die Suche nach guten neuen Formen der Trauer reagiert auf die neue Unstetheit – die Beerdigung in Friedwäldern und der neue digitale Totenkult. Manchmal, nach großen Unglücken, findet die Trauer auch schon wieder zurück in die Kirche. Es ist gut, wenn man dort die Rituale des Abschieds noch kennt.

Je weniger Raum die Gesellschaft dem Tod gibt, desto schwerer stirbt es sich. Man geht der Antwort auf die Frage, wie man selbst sterben möchte, gern aus dem Weg. Eine der anrührendsten Antworten lautet: dass dann die Uhren stehen bleiben mögen – und also keiner sagen muss: keine Zeit.