"Letzte Ehre" sagte man zur öffentlichen Trauerfeier: Es war und ist ein gutes Wort: Auch wenn man den Kummer der nächsten Angehörigen nicht teilt, ehrt man so den Toten und die, die um ihn trauern. Und man kehrt einen Moment ein in sich selbst – und spürt die eigene Seele, die in diesen Sekunden ihre Endlichkeit begreift. Es ist schade, wenn immer mehr die Gesten abhandenkommen, die das zum Ausdruck bringen und dem Tod einen Platz im Leben geben.

Freunde erzählten von einer Szene, die sie im Italienurlaub erlebt haben, auf einer lauten Piazza mit Straßencafés und Souvenirläden: Zwischen den Kunden bahnte sich der Inhaber eines Ladens auf einmal den Weg zur Tür. Er machte sie zu, kurbelte den Rollladen herunter, blieb reglos davor stehen, blickte mit geneigtem Kopf auf den Platz. Auch die Fenster in den anderen Läden wurden verdunkelt; es wurde still. Touristen schauten irritiert. Nur eine Glocke war zu hören: Ein Leichenzug verließ die Kirche, überquerte die Piazza. Für einige Momente standen Zeit und Leben still. In schweigendem Respekt gab man dem Toten und seinen Angehörigen den Weg frei. Der Leichenzug entschwand, die Ladenbesitzer zogen die Rollläden hoch; es wurde wieder laut; das Leben ging weiter.

Die Szene von der italienischen Piazza ist wie ein Echo aus alter Zeit. Heute flüchtet auf dem deutschen Friedhof sogar der Spaziergänger, wenn ein Trauerzug daherkommt; oder er tut so, als sähe er ihn nicht. Mit einer politischen Demonstration kann der Mensch von heute besser umgehen. Was jetzt? Diese Frage steht oft riesengroß auf den Gesichtern derer geschrieben, denen sich die Trauernden nähern. Die Angehörigen des Toten nehmen die Szene aus der umgekehrten Perspektive wahr. Was sieht jemand, der dem Sarg eines geliebten Menschen folgt? Er sieht die Mitmenschen umkehren und fluchtartig das Weite suchen, Menschen, die alles stehen und liegen lassen und selbst vom Grab, das sie gerade pflegen, wegrennen. Andere bücken sich noch tiefer, harken die Erde noch intensiver und zeigen dem Trauerzug den verlängerten Rücken. Manchmal gibt es Menschen, die einfach stehen bleiben, die Beschäftigung unterbrechen, die Kopfbedeckung abnehmen, so sie eine haben, die Hände zusammenlegen, den Angehörigen ihren Respekt und dem Toten mit einem Nicken die letzte Ehre geben.

Heute heißt es oft, dass die Beerdigung "im kleinen Kreis" stattfinden soll, als wäre der Abschied im großen Kreis der Nachbarn und Bekannten etwas Obszönes. Angehörige sagen immer öfter, sie wollten keine Ansprachen – weder die eines Pfarrers noch eines Trauerredners; sie hätten den Verstorbenen schließlich gekannt, da solle man auf Gerede verzichten. Soll man das? Soll man eine Schweigeminute einlegen und den Toten dann buchstäblich sang- und klanglos in die Erde legen?

Wer sich das wirklich selbst so aussucht, dessen Willen muss man respektieren. Viele aber, Zehntausende sind es, suchen es sich nicht so aus. Für immer mehr Menschen ist der kleine Kreis eine Null, weil sie nichts und niemanden mehr haben. Die Zahl der Armenbegräbnisse nimmt zu. Ihnen wird die Trauerfeier versagt, auch Blumen, auch Schmuck, auch Musik, eben jegliches würdevolle "Brimborium". Die Zahl der "ordnungsbehördlichen" Bestattungen von Menschen steigt: Armenbegräbnisse von Leuten, die mittellos, obdachlos, vereinsamt oder verwahrlost gestorben sind und für deren Beerdigung niemand sorgt.

Die Bestattungsgesetze verlangen eine angemessene und würdige Beerdigung. Sie schreiben vor, dass Art und Ort der Bestattung sich nach dem Willen des Verstorbenen und nach dem Empfinden seiner Glaubensgemeinschaft richten sollen. Aber: Wer kontrolliert da schon? In manchen Kommunen ist eine Entsorgungsmentalität eingezogen, die sich damit entschuldigt, dass man ja das Geld von Steuerzahlern ausgebe. Die Kirchen feiern in vielen Städten für ihre Mitglieder "Gottesdienste für Unbedachte". Da werden all die Namen der Verstorbenen genannt, die ohne Trauerfeier und Geleit beerdigt wurden, es wird ihrer gedacht und für sie gebetet, denn jedem gebührt die letzte Ehre, egal, wie elend sein Leben ausging.

Trauer ist nicht nur Privatsache. Der Tod braucht Raum im Alltag. Die alten Familienstrukturen sind zerbrochen, die Menschen leben als Singles oder in Patchwork-Verhältnissen, sie leben mobil und unstet. Die neue Fassungslosigkeit im Umgang mit dem Tod ist das Abbild davon. Auch die Suche nach guten neuen Formen der Trauer reagiert auf die neue Unstetheit – die Beerdigung in Friedwäldern und der neue digitale Totenkult. Manchmal, nach großen Unglücken, findet die Trauer auch schon wieder zurück in die Kirche. Es ist gut, wenn man dort die Rituale des Abschieds noch kennt.

Je weniger Raum die Gesellschaft dem Tod gibt, desto schwerer stirbt es sich. Man geht der Antwort auf die Frage, wie man selbst sterben möchte, gern aus dem Weg. Eine der anrührendsten Antworten lautet: dass dann die Uhren stehen bleiben mögen – und also keiner sagen muss: keine Zeit.