Wilhelm Klotzek, 39, in seinem Berliner Atelier © Gene Glover für DIE ZEIT

Wie macht man aus dem Mauerfall ein Kunstwerk? Wilhelm Klotzek hat es versucht, mit einer seiner Arbeiten. Sie heißt Transgender in Hoyerswerda, ist eine Kooperation mit dem Künstlerkollegen David Polzin und rekonstruiert, in Miniaturform, Szenen aus 1989/90: Mauerfall, Runder Tisch, Begrüßungsgeld, Wendeblues am Tresen. Die Modellfiguren sind Zigarettenstummel mit Beinen und Armen aus Draht. Er arbeite gerne mit Zigaretten, sagt Wilhelm Klotzek, weil mit Zigaretten jeder etwas anfangen könne. "Joseph Beuys hat Fett und Filz gefunden, ich wollte auch so ein ganz alltägliches Material finden", sagt er. Außerdem erinnern Zigarettenstummel daran, dass alle Dinge endlich sind: Menschen. Systeme. Staaten. Die DDR, die sich ja auch von dem einen auf den anderen Tag in Rauch aufgelöst hat.

Wilhelm Klotzek, Jahrgang 1980, ist in Ost-Berlin geboren und aufgewachsen, und er befasst sich tagein, tagaus mit der Vergangenheit, mit der DDR und ihrem Ende. Seine Texte, Plakate, Skulpturen und Objekte erzählen von der Geschichte, die auch die Geschichte seiner Familie ist. Von gescheiterten Menschen und gescheiterten Gesprächen; von einem gescheiterten Land, das er als Kind nur einige Jahre lang erlebt hat. Er verarbeitet die DDR, und er versucht, das mit Humor zu tun.

Warum ist das untergegangene Land seiner Kindheit das große Thema eines Mannes Ende 30?

Ein Montagmorgen, halb zehn, im Süden Berlins. Draußen blauer Himmel, drinnen ziemliches Chaos: Wilhelm Klotzek sitzt an einem Tapeziertisch, im Atelier in einer ehemaligen Lagerhalle. Er trägt blaue Jeans, bunte Turnschuhe und ein dunkelblaues T-Shirt. Er wirkt aufgekratzt. Immer wieder sortiert er sich eine Haarsträhne hinters Ohr. Wenn er spricht, dann im derben Ostberliner Dialekt.

Er sei, sagt Klotzek, "in dieses Ost-West-Ding voll reingekippt. Damit kenne ich mich schließlich aus. Bei diesem Thema weiß ich sofort, was ich zu sagen habe." 

Um das zu verstehen, müsse er von seinem Professor berichten. Und davon, wie lange er nach einem Thema gesucht habe, das ihn im Innersten ausmache.

Klotzek hat in Weißensee und an der Universität der Künste studiert. Einer seiner Professoren habe immer gesagt: Sie, die Studenten, bräuchten eine eigene Position, eine eigene Geschichte, an der sie sich abarbeiten könnten. Damals, sagt Wilhelm Klotzek, habe er keine Ahnung gehabt, was der Professor meinte. Er war Mitte zwanzig, welche Geschichten hatte er schon zu erzählen?

Dann, 2010, starb sein Vater, den er, Klotzek, kaum gekannt habe. Der Vater hieß Peter Woelck, war ein bekannter ostdeutscher Fotograf, er war erfolgreich und beliebt – bis zum Mauerfall. Einige seiner Bilder sind für DDR-Bewohner ikonisch, aber nach 1990, sagt Klotzek, habe sich für Peter Woelck kein Mensch mehr interessiert. Sein Vater habe noch versucht, eine neue Existenz aufzubauen. Er sei gescheitert. Der Nachlass des Vaters habe Kisten voller Erinnerungen enthalten, mehrere Packungen selbst gestopfter Zigaretten – und Schulden. Das Stopfen und das Rauchen von Zigaretten, sagt Klotzek, sei für seinen Vater eine Art Beschäftigungstherapie gewesen. In einer Zeit ohne andere Beschäftigung.

Warum, fragte Klotzek sich, ging im Leben seines Vaters nach der Wende alles schief? Und wieso hat sich für die Geschichte seines Vaters kaum je ein Mensch interessiert? "Ich habe nach dem Tod meines Vaters auch seine Freunde kennengelernt, viele von ihnen haben wie er nach der Wende nichts mehr auf die Reihe bekommen. Sie haben getrunken, sind vereinsamt. Dieses Alleinsein hat mich sehr berührt. Vor allem, weil ich auf den Fotos meines Vaters gesehen habe, dass es früher ganz anders war. Früher war es eine Gruppe von Kumpeln, die ständig zusammen Zeit verbracht haben. Über diese Tragik wollte ich etwas machen."

Und auf einmal, sagt Klotzek, habe es eine Position gegeben. Auf einmal habe er verstanden, was der Professor gemeint haben könnte. Auf einmal habe er sich gefragt: Warum weiß ich so viel über den Westen, aber die Westdeutschen fragen mich über den Osten nichts? Und er habe angefangen, sich in dieses Thema einzuarbeiten, mehr und mehr.