Auf den ersten Blick leuchtet nicht ein, warum ausgerechnet Melancholie eine gute Haltung sein sollte, um sich mit Migration und Globalisierung zu beschäftigen. Aber der niederländische Soziologe Paul Scheffer kann es in seiner ungeheuer anregenden Ideengeschichte Wozu Grenzen? sehr gut begründen. Die Frage, die ihn umtreibt, lautet: "Müssen wir zu der Schlussfolgerung kommen, dass Identifikation mit einem Volk einerseits und die Verbundenheit mit der Menschheit andererseits einander unversöhnlich gegenüberstehen?"

Die Traurigkeit der Zäune in Europa: 1954 geboren, hat Scheffer die Brutalität der Grenze zwischen den beiden deutschen Staaten noch sehr direkt erlebt. Die Erleichterung, sie endlich fallen zu sehen, wurde nicht von allen seinen Altersgenossen geteilt. Sie sahen in der Mauer ein moralisches Gebot, eine Art Wiedergutmachung.

Sein jüdischer Großvater hatte die Grenze von Deutschland nach Holland noch verzweifelt überquert. Den Haftbefehl für ihn aus der Zeit der deutschen Besatzung fand Scheffer nach dem Tod seiner Mutter. Jahrzehntelang war der Abbau der innereuropäischen Grenzen das Fanal der Freiheit, ein scheinbar endgültiger Triumph des Liberalismus, das Ende der Geschichte.

30 Jahre, eine Euro- und eine Flüchtlingskrise später sind Grenzen erneut ein großes Thema. Souveränität, Nationalität, Kontrolle – überall kehrt ein Anspruch zurück. Ihn pauschal zu ignorieren ist für Scheffer ein Zeichen von moralischer Überheblichkeit. Allein in Europa ist die Länge der gemeinsamen Grenzen seit 1990 um mehr als 25.000 Kilometer gewachsen. Aber Scheffer ist nicht bereit, in eine Klage über die "Festung Europa" einzustimmen, im Gegenteil. "Das Respektieren von Grenzen", schreibt er, "macht die friedliche Klärung von Konflikten möglich."

Keine Entspannungspolitik in Osteuropa ohne die Anerkennung der jeweiligen Hoheitsgebiete, keine Wiedervereinigung ohne Akzeptanz der Oder-Neiße-Linie. Und eine Grenze, schreibt Scheffer mit Rückgriff auf den französischen Philosophen Régis Debray, sei keine Mauer!

Mauern sollen menschlichen Austausch verhindern, Grenzen ihn dagegen regeln. Die Zäune, die überall in Europa neu entstehen, seien die Antwort auf eine fehlende Grenze – eine geschützte, gemeinsame Außengrenze. Angela Merkels achselzuckende Behauptung 2015, man könne Grenzen nicht schützen, gehört für Scheffer zu den Ausreden, die den Bestand der Europäischen Union ernsthaft aufs Spiel setzen. Ein Humanismus, wie Scheffer ihn sich vorstellt, darf nicht in Formlosigkeit zerschmelzen: "Indifference to difference" sei eine gefährliche Geisteshaltung, mit der oft nur neue Gängeleien gerechtfertigt würden – von der Witwenverbrennung über die Todesstrafe bis zur Burka. "Eine offene Gesellschaft", so Scheffer, "braucht eine moralische Mitte."

Dies ist kein weiteres Buch zur Flüchtlingskrise. Scheffers politische Beobachtungen dazu sind zwar meist erhellend – wenn auch seine Verdammung des EU-Türkei-Abkommens einigermaßen ungerecht und unsachlich ist.

Wozu Grenzen? ist vor allem eine herausfordernde Ideengeschichte des Kosmopolitismus und der Aufklärung. In einer Zeit, in der die Lektüre von Hume, Kant oder Voltaire an den Universitäten wegen rassistischer Textstellen zum Trip auf vermintem Gelände wird, stellt Scheffer die Behauptung von der drückenden Herrschaft alter weißer Philosophen-Männer auf den Kopf: "Das Aufkommen des Kosmopolitismus fällt mit dem zunehmenden Kolonialismus zusammen. (...) Die Herrschaft über einen großen Teil der Welt weckte das Bedürfnis nach Rechtfertigung. Der Kontakt mit anderen Kulturen zwang zum Überdenken der eigenen Kultur."

Wer anfängt, Schädelgrößen zu vergleichen, ist gewiss ein Rassist. Aber ohne Gleichheit eben auch kein Vergleich. Der Wunsch, die Menschheit als Einheit zu denken, hat die Klassifikation in Rassen überstrahlt und überdauert. Aber in den Seminaren über Critical Whiteness, also der "Kritischen Weißseinsforschung", in der die künstliche Normalität des Weißseins bewusst gemacht werden soll, hat sich die Wut auf den Rassismus in den Texten der Aufklärer längst gegen den westlichen Humanismus als solchen gewendet. Kein Wunder, dass dort dann oft auch Menschenrechte und Demokratie an sich als verlogenes Herrschaftsinstrument verachtet werden.

Paul Scheffer: Wozu Grenzen? Freiheit in Zeiten von Globalisierung und Migration; aus dem Niederländischen von Gregor Seferens; Hanser Verlag, München 2019; 240 S., 22,– €,als E-Book 16,99 €