Chicago, 2337 West Monroe Street, 4. Dezember 1969, gegen 4.30 Uhr morgens: Ein Polizeikommando macht sich bereit für den Sturm auf die Wohnung Fred Hamptons, des lokalen Führers der Black Panthers. Die militante Gruppierung, die den bewaffneten Kampf gegen Rassismus und Unterdrückung propagiert, liefert sich seit Monaten einen regelrechten Krieg mit der Polizei von Chicago. Erst drei Wochen zuvor sind bei einer Schießerei zwei Polizisten und ein Panther getötet worden. Die Razzia gegen Hampton, die laut Durchsuchungsbefehl einem illegalen Waffenlager gilt, wird von der US-Bundespolizei FBI geleitet und ist sorgfältig geplant. Ein Spitzel hat dem FBI eine Skizze des Apartments zugespielt, auf dem Hamptons Schlafplatz markiert ist; vermutlich hat er ihm in der Nacht heimlich ein Schlafmittel verabreicht.

Außer dem 21-jährigen Hampton und seiner schwangeren Freundin befinden sich noch acht weitere Mitglieder der Chicago-Panther in der Wohnung. Sie wissen, dass sie im Visier der Polizei stehen, und haben hinter der Eingangstür einen Wachposten mit einer Schrotflinte postiert. Ob der Mann gezielt auf die Polizisten feuert, als diese die Tür aufbrechen, oder ob sich ein Schuss aus seiner Flinte löst, als ihn eine Polizeikugel tödlich trifft, ist umstritten. Doch keiner der übrigen Panther kommt noch dazu, zur Waffe zu greifen. Dafür finden sich in der Wohnung später fast 100 Polizeikugeln. Fred Hampton ist zunächst nur an der Schulter verletzt, doch er stirbt an zwei Kopfschüssen, die, wie Überlebende später beteuern, Polizisten kaltblütig auf den wehrlos am Boden Liegenden abgeben.

Das FBI führte einen geheimen Krieg gegen "subversive" Personen und Organisationen

Die übrigen, teils schwer verletzten Panther werden verhaftet und wegen Mordversuchs angeklagt. Die Polizisten behaupten, in Notwehr gehandelt zu haben. Eine Untersuchungskammer verzichtet im Januar 1970 auf eine Anklage. Allerdings lässt die Staatsanwaltschaft auch die Vorwürfe gegen die Panther fallen. Die Black Community in ganz Amerika reagiert mit Empörung. Auch schwarze Bürgerrechtler, die den Radikalismus der Black Panthers strikt ablehnen, verurteilen die Gewaltexzesse der Polizei. Mehr als 5000 Menschen kommen zu Hamptons Beerdigung. In den Wochen nach seinem Tod werden in Chicago immer wieder Polizisten beschossen und Streifenwagen angezündet. Für die Panther steht fest, dass Hampton und Mark Clark, das zweite Todesopfer, von einer "Todesschwadron" ermordet wurden.

Dass die Anspielung auf die Praktiken lateinamerikanischer Diktaturen nicht aus der Luft gegriffen war, erfuhr die Öffentlichkeit Anfang 1971, als linken Aktivisten bei einem Einbruch in ein regionales FBI-Büro Geheimdokumente über die illegalen Aktivitäten der Bundespolizei in die Hände fielen. Seit 1956 betrieb FBI-Direktor J. Edgar Hoover, die graue Eminenz der amerikanischen Politik, unter dem Kürzel Cointelpro (counterintelligence program) einen geheimen Krieg gegen "subversive" Personen und Organisationen. Auf der schwarzen Liste stand zwar auch der rassistische Ku-Klux-Klan, aber die meisten Staatsfeinde verortete Hoover auf der linken Seite. Neben der Kommunistischen Partei der USA geriet vor allem die afroamerikanische Bürgerrechtsbewegung in die Schusslinie. Als Mitte der Sechzigerjahre der Schlachtruf "black power" immer mehr Resonanz fand, gewann die Unterwanderung und Diskreditierung "schwarzer Hassgruppen" für das FBI Priorität. Es schürte innerhalb der Black-Power-Bewegung ideologische Zwietracht, Misstrauen und Gewalt. Die zahlreichen tödlichen Auseinandersetzungen, die sich die Black Panthers mit rivalisierenden radikalen Gruppen lieferten, waren nicht selten das Werk von Agents Provocateurs. Den lokalen Strafverfolgungsbehörden lieferte Cointelpro gefälschte Beweise und Anschuldigungen. Das angebliche Waffenlager in Fred Hamptons Wohnung wurde nie gefunden.

Mit ihrem aggressiven Auftreten boten sich die Black Panthers als Zielscheibe staatlicher Repression geradezu an. Gegründet wurde die Gruppe im Oktober 1966 in Oakland, Kalifornien, von Huey Newton und Bobby Seale, zwei jungen Afroamerikanern, denen die Aufforderung des radikalen Muslimführers Malcolm X, "mit allen nötigen Mitteln" gegen Rassismus und Unterdrückung zu kämpfen, plausibler erschien als Martin Luther Kings Botschaft der Gewaltlosigkeit. Allerdings konnten beide weder dem Islam noch einem separatistischen afrozentri schen Nationalismus viel abgewinnen. Ihre ideologischen Überzeugungen basierten auf der Lektüre der Schriften Mao Zedongs und Frantz Fanons, des karibischen Theoretikers antikolonialen Widerstands. Das Selbstverständnis der Panther war marxistisch und internationalistisch, sie betrachteten sich als revolutionäre Avantgarde im Kampf gegen Kolonialismus, Rassismus und Kapitalismus und blieben für Bündnisse mit radikalen weißen Gruppen offen.

Den Namen Black Panther Party samt Emblem übernahmen Newton und Seale von einer Bürgerrechtsgruppe in Alabama. Das Zehn-Punkte-Programm, das sie der Partei gaben, bestand aus der Proklamation einer allgemeinen Selbstbestimmung und konkreten Forderungen wie menschenwürdigen Wohnungen und fairen Gerichtsverfahren für Amerikas schwarze Bürger. Vor allem jedoch verstanden sich die Panther als bewaffnete Selbstschutztruppe gegen die allgegenwärtige Gewalt und Willkür der Polizei, die sich in den schwarzen Vierteln der US-Großstädte oft wie eine Besatzungsmacht aufführte und von den Bewohnern abfällig pigs, Schweine, genannt wurde.