Pünktlich zu seinem 75. Geburtstag publiziert Botho Strauß ein Kammerspiel, das die im 1. Buch Samuel erzählte Vita König Sauls straff dramatisiert. Der Stoff spielt auf der großen politischen Bühne der Staatengründer. Er dreht sich um letzte Fragen, um göttliche All- oder Ohnmacht, Charismakompetenz, Schicksal und Zufall. Doch Strauß bringt es fertig, den alttestamentarischen Väter-Text in ein Drama um Kabale und Liebe zu verwandeln. Ganz im Sinne von Niklas Luhmanns Liebe als Passion laufen alle Konflikte auf die Projektionen von Liebessüchtigen hinaus. Das alttestamentarische Epos ist auf die hysterischen Scharmützel Straußscher postmoderner Paare heruntergekürzt, ihre Eifersüchteleien, Überreaktionen, Heilsinvestitionen und Rachefeldzüge. Da ist zunächst der Prophet Samuel, dessen Clan dem Volk nicht länger geheuer ist. Anstelle der Theokratie verlangt es einen weltlichen Herrscher. Diese Kränkung durch Liebesentzug bestimmt Samuels Duktus, zumal Jahwe ihn anweist, sich dem Wunsch des Volkes zu beugen. Und dann ist da Saul selbst, dem Gott die Hände führt, um anschließend vom Ergebnis nichts wissen zu wollen.