Auf heißen Reifen fährt dieser Wagen auf uns zu, gerade zurück aus der Zukunft. Wir sehen kaum mehr als eine Figur aus spitzen Dreiecken, die auf scharf konturierten Felgen jeden Fahrbahnbelag zerschneiden; man will diesem Auto nicht im Dunkeln begegnen. Als Elon Musk vor wenigen Tagen der Weltöffentlichkeit das neueste Tesla-Modell vorführte, verglichen Beobachter dieses eigenartige Elektroauto sofort mit paramilitärischer High-End-Technik: Hat man für diesen Cybertruck (so der offizielle Name) etwa ein Tarnkappen-Kampfflugzeug und das Batmobil verschweißt mit einem Türgriff, Typ "Modern", aus dem Küchenstudio? Womöglich. Und dennoch ist dieses Auto Elon Musks Antwort auf unsere brenzlige Gegenwart. Wer den Cybertruck versteht, versteht auch die sozioökonomische Großspekulation, auf die der Milliardär sich eingelassen hat.

Dass der südafrikanische Elektro-Pionier Musk überhaupt ein besonderes Interesse an Nutzfahrzeugen zeigt, liegt am Automobil-Binnenmarkt seiner Wahlheimat. Den beherrscht in den USA, wer Amerikanern aus den ländlichen Gegenden erfolgreich sogenannte Pick-up-Trucks anbieten kann: gut motorisierte Pritschenwagen mit offener Ladefläche und kraftvollem Auftreten. Vergangenes Jahr waren die drei meistverkauften Autos in den USA allesamt solche Pick-ups. In diesem Marktsegment muss Musk der größten Volkswirtschaft der Welt beweisen, was er als Autobauer drauf hat. Ein Pick-up-Truck aber ist mehr als ein bloßes Fortbewegungsding: Viele nutzen die robusten Kleinlastwagen als Ausdruck ihrer autarken Lebensführung, in die sich weder staatliche Stellen noch verbildete, großstädtische Linksliberale einzumischen haben. Wer seinen Ford F150 eine Appalachen-Landstraße herunterschiebt, während schwere Holzlatten über die Ladefläche hinausragen, der zeigt anderen Verkehrsteilnehmern an: Ich brauche euch nicht. Ein Haus kann ich mir selbst zimmern, ein Tier erlegen auch – ich bin amerikanischer Selbstversorger im Grenzland der Zivilisation, an der frontier.

Wie soll ein elektrischer Pick-up aussehen, der diesem Lebensgefühl des libertär gesinnten weißen Hinterlandamerikaners gerecht wird, ohne bloß die alte fossile Gewalt fahl und oktanlos zu imitieren? Ein solches Auto müsste jenen tiefen Graben überwinden, der die grünen Weltbürger und Tesla-Kunden aus Hollywood und Park Slope trennt von einem Klempner aus Harlan County, Kentucky, der für Trump stimmte, weil ihn das Gefühl plagt, man habe ihn vergessen. Und tatsächlich: Dem eigenartigen Cybertruck gelingt die unwahrscheinliche Versöhnung, das zeigen nicht nur 200.000 Vorbestellungen. Während der Live-Präsentation des Wagens kam es zu einem denkwürdigen Moment: Franz von Holzhausen, der Designer des Autos, warf eine schwere Metallkugel gegen die Fensterscheibe. Das angeblich bruchsichere Glas jedoch gab nach und zeigte ringförmige Risse, wie nach Bürgerkriegsbeschuss – auch wenn die Kugel, das betonte Musk, nicht durchschlug. Kein "PR-Desaster" war das, sondern eine glückliche Fügung. Denn erst auf den zweiten Blick offenbarte der Cybertruck seinen tatsächlichen Reiz: Er stellt seine Gemachtheit so offen zur Schau wie eine der amerikanischen Baustellen, in deren Holzzaun Gucklöcher eingelassen sind. Das Design lässt uns die Schweißnähte der Karosserie noch riechen, als habe man sie dem Auto gerade erst persönlich zugefügt, hinten im Hof beim Hühnerstall.

Wo aber gehört so eine robuste Zukunftstechnik hin, deren strahlungsabweisendes Flachdesign man gern mit stolzen Narben verziert? Natürlich nicht mehr in das Hinterland der Vereinigten Staaten, sondern in den Weltraum, den Elon Musk den Amerikanern mit seiner Zweitfirma SpaceX gerade noch einmal erschließt. Im Cybertruck verbaut er den gleichen dreißigfach kalt gewalzten Edelstahl, aus dem auch die Raketen konstruiert werden, mit denen Musk den Mars besiedeln will. Und während Verkehrsphilister sich noch Sorgen machen, ob ihnen bald ein Cybertruck die Radwege vor der Besserverdiener-Kita zuparkt, ist Elon Musk schon ganz woanders: Dieses Auto ist eigentlich entworfen für einen anderen Planeten, für ein neues Grenzland. Musk verkauft längst keine Elektromobilität mehr, sondern die ungeahnte Hoffnung, dass man einst auf dem Mars (oder auf den Eismonden des Saturns oder im Asteroidengürtel) nicht bloß weltgewandte Markenbotschafter, Diversity-Manager und Kreditausfallversicherungsverkäufer brauchen wird, sondern vergessene Trump-Wähler aus Kentucky, die sich in ihren Kleinlastern selbst versorgen können.