Das moderne Kinderbuch hat große Ähnlichkeit mit der Propaganda des untergegangenen Sozialismus. Die Märchen, die es erzählt, sind nicht mehr in einem Zauberwald, sondern zum trügerischen Schein in der Lebenswelt der Kinder angesiedelt, aber nichtsdestoweniger die reine sozialutopische Fantasterei. Die Kindergärtner*innen in diesen Büchern sind sanft und verständnisvoll, die Lehrerschaft kennt alle Nöte der lieben Kleinen, und selbst die stumpfesten Eltern geloben schließlich und zum guten Ende der Geschichte Besserung und drücken ihr Kind ans liebende Herz. Niemand wird gemobbt oder diskriminiert, niemand alleingelassen, beziehungsweise geschieht all das nur vorübergehend, bis der gesellschaftliche Missstand von der Partei erkannt wird und die Übeltäter konstruktive Selbstkritik üben. Wer ist diese Partei, die im modernen Kinderbuch die Nachfolge von SED oder KPdSU angetreten hat? Nun, das ist selbstverständlich das Kollektiv der Kinderbuchautor*innen, die heute Obrigkeit und Autoritäten (Eltern, Lehrer, Erzieher) verteidigen und dem lesenden Kind den Glauben an den Sieg der gerechten Sache einpauken. Man könnte darüber verzweifeln, wenn nicht die Kinder, jedenfalls solange sie noch klein genug sind, mit einem untrüglichen Sinn für Schönrednerei ausgestattet wären und statt des fortschrittlichen Schriftgutes lieber die reaktionären Geschichten über den ungezogenen Rocco Randale läsen, in denen die Klassenlehrerin den wahrheitsgetreuen Doppelnamen Frau Schreck-Schraube trägt, die Schulkantinenwirtin Frau Vollkornsock heißt und gänzlich ungenießbar vegetarisch kocht. Vielleicht ist Alan MacDonald, der Schöpfer von Rocco Randale, nicht zufällig Brite und kann deswegen mit britisch enthemmtem Humor auch das bigotte Entsetzen jener Mutter schildern, deren Baby gerade von Rocco ein erstes Wort zu sprechen gelernt hat. Dieses Wort heißt "Scheiße" – "Sseiße" in der Artikulation des Babys. Selbstverständlich gerät Rocco darob in Panik (wie ehedem der sozialistische Bürger angesichts absehbar parteischädigenden Verhaltens) und versucht seine pädagogische Sabotage zu vertuschen. Indes vergebens. "Sseiße, Sseiße, Sseiße", kräht das von Rocco aufgeklärte Baby. Ist die Wahrheit einmal heraus, lässt sie sich nicht mehr unterdrücken. Auch das ist natürlich in gewisser Hinsicht nur eine utopische Hoffnung, aber eine, an die sich Kinder mit mehr Zuversicht klammern als an die Heuchelei der Erwachsenen. Die "Sseiße" zuzugeben ist wenigstens schon mal ein Anfang.