Es ist in den vergangenen Monaten viel über vermeintliche ostdeutsche Defizite gesprochen worden. Und über die Gründe, warum der Osten, immer noch, anders sei als der Westen. Viele im Westen haben inzwischen verstanden, welche Wucht die Wiedervereinigung für den Osten bedeutet hat; dass kaum eine Facette des Alltagslebens der ostdeutschen Bevölkerung davon unberührt blieb. Das Wirtschaftssystem, das Rechtssystem, das Bildungssystem, das Sozialsystem wälzten sich um nach westdeutschem Vorbild. Diese gesellschaftliche Transformation erfasste jeden Einzelnen, jede Familie, jeden Vater, jede Mutter, jedes Kind.

Die vor 1989 und darüber hinaus wirkenden DDR-Prägungen wurden angeführt zur Begründung eines vermeintlichen ostdeutschen Defizits. Das, was Ostdeutsche in der Transformation gelernt haben, kam dabei jedoch oft zu kurz. Zentral dabei ist der Umstand, dass die Menschen zwischen Rostock und Erzgebirge mit ihrer Sicht auf die Welt weniger anfällig für Visionen sind.

Natürlich, und das muss man gleich zu Anfang sagen, kann auch bei den Ostdeutschen niemand von einer homogenen Gruppe sprechen. Allein die Generationenunterschiede sind immens.

Trotzdem bringen die Ostdeutschen in das wiedervereinte Deutschland kollektiv verankerte Einstellungen und Werte mit Zukunftspotenzial ein – seien es die Erfahrungen in der DDR im Umgang mit Eigentum (Enteignung, Volkseigentum, Rückgabe vor Entschädigung); aber auch in der Kindererziehung oder beim Verhältnis zwischen den Geschlechtern. Zu diesen Vorteilen durch Erfahrung gehört auch das tiefe Verständnis osteuropäischer Mentalität und Geschichte.

Die wesentlichste zukunftsweisende Eigenschaft liegt jedoch noch an anderer Stelle – und wurde überhaupt erst durch den Systemwechsel selbst ermöglicht. Es ist die kollektive Erfahrung, wie wenig aussichtsreich, ja gefährlich es sein kann, die Welt von einer fernen Zukunft her zu denken, sich einem größeren Plan zu verschreiben oder einer wie auch immer gearteten Utopie hinterherzulaufen.

Oder andersherum: Der am eigenen Leib erfahrene Visionszusammenbruch – sowie der Umstand, erlebt zu haben, wie vergänglich die gesellschaftlichen Verhältnisse sind – schwächt jeden unhaltbaren Fortschrittsoptimismus. Beides stärkt umgekehrt den Blick für das Unvorhersehbare und für die unmittelbare Gegenwart. Zukunftsversprechen werden als wenig attraktiv oder gar hohl dekonstruiert.

Diejenigen, die Visionen bewerben, verweisen gern auf die motivierende Kraft von Entwürfen, die gemeinsame Zielausrichtung, ohne die nichts Neues entstehe. Die Ostdeutschen sind hier – ich möchte es so formulieren – einen Schritt weiter: Sie wissen, dass es vergeblich ist, sich an gesellschaftlichen Visionen auszurichten.

Die Zukunft ist ihnen nicht vergangen, weil sie keine Erwartungen mehr hätten – sondern weil sie diese in der Gegenwart zu realisieren suchen. Das Leben in der DDR hat in diesem Sinne die "geschichtliche Zeiterfahrung", wie der Historiker Reinhart Koselleck es nannte, verändert. So wie den Ostdeutschen in 40 DDR-Jahren ein gesetzmäßiger Verlauf der Geschichte suggeriert wurde, ist nun die Erkenntnis gewachsen, wie wenig vorhersagbar die geschichtliche Entwicklung ist. Durch ihre Erfahrungen sind Ostdeutsche realistisch geworden. Sie sind sensibel und aufmerksam dafür, wie verletzlich ein Gemeinwesen ist. Sie haben einen Pragmatismus erlernt, der sich ganz unideologisch auf das Machbare im Hier und Jetzt konzentriert. Genau so lässt sich letztlich teils auch der Führungsstil Angela Merkels erklären.

Um nicht falsch verstanden zu werden: Mit der ostdeutschen Visionsskepsis ist nicht gemeint, den Zustand der Welt fatalistisch anzunehmen und sich einem unvermeidlichen Schicksal zu fügen. Nein, die utopische Energie richtet sich stattdessen mit aller Kraft auf die Gegenwart, weil nur die Gegenwart wirklich gestaltbar ist. Darin zeigt sich eine Vision neuen Typs, die sich pragmatisch an Idealen orientiert, die den Menschen annehmen, wie er ist – und nicht wie er sein könnte.

Vielleicht haben die Ostdeutschen: eine Gegenwartsvision.