Diese Gegenwartsvision ist nicht zukunftsvergessen und gegenwartsversessen, sondern stellt sich dem, was ist. Zukunft ist, was machbar ist.

Dass die Ostdeutschen das erkannt haben, ist eine Stärke, die noch gar nicht hinreichend genutzt und betont wird. Könnte es sein, dass das die ostdeutsche Denk- und Lebenshaltung ist? Daraus, dass die Ostdeutschen weniger anfällig für Visionen sind, erwächst schließlich die Kraft des Pragmatismus, der sich in einer konkreten Situation immer wieder neu zu bewähren hat. Unhaltbarer Fortschrittsglaube weicht dem illusionsfreien Streben nach Erträglichkeit in der Gegenwart. Der im Gehen entstehende Weg ist das Ziel.

Wer so gegen Visionen immun ist, wirkt auf Außenstehende gelegentlich planlos. Aber ist das Auf-Sicht-Fahren, das Pragmatisch-Entscheiden nicht auch mehr denn je ein probates Mittel in einer immer weniger überschaubaren Welt?

Weil Ostdeutsche wissen, wie schnell die Dinge sich ändern können, ist ihnen auch schneller klar, was Schauspiel und Fassade, was wirklich grundlegend und was in Wahrheit gar nicht so wichtig ist.

Der andere, der östliche Blick, birgt damit ein Innovationspotenzial für gesellschaftliche Entwicklungen. Ostdeutsche wissen oft zuerst, ob und warum ein Gemeinwesen gefährdet ist.

Um diese Eigenschaften auch nutzbar zu machen, braucht es heute – 30 Jahre nach dem Mauerfall – eine Überwindung der intellektuellen Siegermentalität führender Denker der alten Bundesrepublik.

Sie betrifft sogar so große Männer wie den Philosophen Jürgen Habermas, der in den frühen 1990er-Jahren kein gutes Haar an der DDR-Erfahrung gelassen hat: "Dieser 'Arbeiter-und-Bauernstaat'", sagte er, "hat mit seiner politischen Rhetorik fortschrittliche Ideen zu seiner Legitimation mißbraucht; er hat sie durch eine unmenschliche Praxis höhnisch dementiert und dadurch in Mißkredit gebracht. Ich fürchte, dass diese Dialektik der Entwertung für die geistige Hygiene in Deutschland ruinöser sein wird als das geballte Ressentiment von fünf, sechs, Generationen gegenaufklärerischer, antisemitischer, falsch romantischer, deutschtümelnder Obskurantisten."

Härter kann man kaum über den Osten texten.

Schon damals war klar, dass Habermas und andere danebenliegen – weil sie, mit dem westdeutschen Blick, nicht zu den ostdeutschen Eigenheiten vorgedrungen sind.

Viele Vordenker des alten Westens hatten, verständlicherweise, mehr mit sich selbst und der alten Bundesrepublik zu tun. Und so kommt es einem mitunter so vor, als hätten Vordenker wie Habermas vor allem versucht, die mühsam erkämpfte demokratische Ordnung der Bundesrepublik zu verteidigen. Wohl ahnend, dass auch diese nicht mehr dieselbe sein wird, wenn erst einmal die Einheit diese Republik verändert hat.

Jetzt ist es an der Zeit, wieder gemeinsam nach vorn zu denken. Die ostdeutsche Erfahrung eines Systemwechsels und die daraus erwachsene Wertschätzung für die Errungenschaften der Bundesrepublik – zum Beispiel für das Grundgesetz – sind dabei ein echtes Pfund. Es ist nicht unwahrscheinlich, dass der östliche Blick etwas sein wird, was die Bundesrepublik Deutschland gut gebrauchen kann auf dem Weg durch das 21. Jahrhundert, in dem nicht mehr so klar ist, wo die Lokomotiven des gesellschaftlichen Fortschritts fahren. Gut, wenn jemand weiß, dass man jeden Zug auch anhalten kann. Und die Lok, aber nicht die Passagiere austauschen.