"Es kann nichts Gutes dabei herauskommen, wenn zwei Männer in einem gigantischen Phallus gefangen sind" – sagt der Regisseur Robert Eggers über seinen Film Der Leuchtturm. Natürlich kommt doch etwas Gutes dabei heraus, wenn diese Männer von Willem Dafoe und Robert Pattinson gespielt werden, die sich hier auf einen Höllentrip einlassen. Im Schwarz-Weiß dieses Horrorfilms wirken ihre Wangenknochen wie Todesschluchten. Ihre totenbleichen Dickschädel schweben über einem Abgrund – während die Treppenspirale des titelgebenden Leuchtturms sich in die Tiefen ihres Unbewussten bohrt.

Dafoe und Pattinson spielen zwei Männer, die um 1890 auf einer kleinen abgelegenen Insel vor der amerikanischen Küste abgesetzt werden. Es gilt, den Leuchtturm zu warten, die vom Sturm beschädigte Unterkunft bis hin zur verfaulten Zisterne zu reparieren. Wake (Dafoe), der Ältere und Erfahrenere, beginnt sofort, den jüngeren Winslow (Pattinson) zu terrorisieren. Er gibt Befehle, schindet seinen Kompagnon und hütet den Schlüssel zur Lichtkammer des Turms wie eine Mischung aus Gral und Herrschaftsinstrument. Es ist eine Herr-und-Knecht-Situation, die auch durch die Physis ausgetragen wird. Wake nimmt das Territorium – auch die gemeinsame Schlafkammer – durch Furzen in Beschlag, hält beim Abendessen schnapsgeschwängerte Monologe. Seemannsgarn, Matrosenmythen, nautische Faustregeln verbinden sich mit abergläubischen Sentenzen: "Eine Möwe zu töten bringt Unglück." Winslow schweigt und schwitzt, bleibt Reaktion, scheint sich aufs Aussitzen zu verlegen, doch da ist der zusammengekniffene Mund unter dem Schnauzbart. Und das Weiß seiner rollenden Augäpfel.

Der Film (das Drehbuch schrieb Robert Eggers gemeinsam mit seinem Bruder Max) setzt jedes Zeitgefühl außer Kraft. Wie lange sind die Männer bereits auf der Insel, und wie lange werden sie noch dort bleiben? Stürme toben, Dielen knarren, Möwen schreien, Wellen schäumen, Regen prasselt. Nach einer durchzechten Nacht verschlafen Wake und Winslow das Ablöseschiff. Die Vorräte sind aufgebraucht – bis auf ein schier unerschöpfliches Arsenal vergrabener Schnapsflaschen.

Der Leuchtturm ist im klassischen quadratischen Stummfilmformat gedreht, das die klaustrophobischen Räume zusätzlich staucht. Dazu verwendete Robert Eggers Kameralinsen und Filter, die die Grautöne des Zwanzigerjahre-Kinos erzeugen. Manche Einstellungen erinnern tatsächlich an Filme des Expressionismus, Gegenstände wie das Logbuch, das Geschirr und die spärlichen Möbel des Leuchtturmwärterhäuschens werden mit spielerischer Überdeutlichkeit und Symbolik in Szene gesetzt. Doch aus der immer klarer zutage tretenden Aggression zwischen Wake und Winslow wird eine modern durchlüftete Horror-Farce. Sie handelt von toxischer Männlichkeit, von hilflosen Strategien gegen die innere und äußere Einsamkeit, zeigt immer neue Vorstufen der sich anbahnenden Entladung: Verbrüderung, besoffenes Absingen von Seemannsliedern, lallender Austausch von Intimitäten, Zerschlagen von Möbeln, exzessives Masturbieren.

Frauen spielen in Der Leuchtturm keine Rolle als Figuren, doch fluten sie – in Gestalt von Meerjungfrauen – die Fantasie des jüngeren Leuchtturmwärters und die zunehmend halluzinatorische, ins Übernatürliche driftende Bilderwelt des Films.

Natürlich sind die Helden nicht nur in einem gigantischen Phallus gefangen, sondern auch in Selbst- und Geschlechterbildern. Und in einem klugen, unterhaltsamen Horrorfilm, der ihnen jedes, aber auch wirklich jedes konventionelle Ausgangstürchen versperrt.

Der Film "Der Leuchtturm" läuft am 28. November in deutschen Kinos an.