"Ich aß seine Leber. Mit Favabohnen und einem schönen Chianti." Daran denkt man, wenn man den Namen Anthony Hopkins hört. "Ich bin ein einfacher Arbeiter im Weinberg des Herrn." Daran denkt man, wenn man den Namen Joseph Ratzinger hört. Nun spielt der eine den anderen. Hopkins hat schon immer, schon seit Othello in den Achtzigern, diese Art, gedankenlos-gedankenvoll aus seinen graublauen Augen zu starren. So hat er in Das Schweigen der Lämmer Clarice Starling angestarrt und so lässt er auch Joseph Ratzinger starren. Das über Ratzinger kolportierte Bild des Gelehrten, der geistig mit seinen Gesprächspartnern Schach spielt, um ihre intellektuellen Kapazitäten zu testen, verkörpert Anthony Hopkins tausendprozentig. Ihm fehlt nur eine einzige Sache in diesem Film: das Herz.

Der Regisseur Fernando Meirelles hat den Film Die zwei Päpste nach dem gleichnamigen Buch von Anthony McCarten gedreht, der bei der Filmproduktion auch als Drehbuchautor gewirkt hat. Und was für ein Drehbuch er geschrieben hat! Der zweistündige Film besteht zu einem Großteil aus imaginierten Begegnungen und Gesprächen zwischen Papst Benedikt und dem damaligen Kardinal Jorge Mario Bergoglio. Die sind weder langweilig noch statisch, im Gegenteil: Hopkins und Jonathan Pryce (Bergoglio) duellieren sich auf hohem und höchstem Niveau über die Zukunft der Kirche, die Zweifel am Glauben, die Ausrichtung des Papstamtes.

Zu Beginn ist er noch ein Antragsteller: Im Jahr 2012 fliegt der argentinische Kardinal nach Rom, um Papst Benedikt zu bitten, ihn aus dem kirchlichen Dienst zu entlassen. Bergoglio hat keine Lust mehr. Die päpstliche Theologie nimmt er als erstarrt wahr, den Stil (später sollte er es Klerikalismus nennen) findet er abgehoben, das Gesellschaftsbild zu konservativ. In der päpstlichen Sommerresidenz Castel Gandolfo trifft er im Garten auf Benedikt XVI. Zuvor wird Bergoglio noch von einem Bediensteten gewarnt, er möge sich ordentlich purpurfarben kleiden, der Papst habe es gern, wenn seine Kardinäle auch aussähen wie Kardinäle. Bergoglio fügt sich widerwillig und der Film hat eine Dichotomie etabliert, die er nicht mehr verlassen wird: Bergoglio, der Volksnahe, versus Ratzinger, den vergeistigten Ästheten, der nicht weiß, wer Abba ist.

Das erste Aufeinandertreffen der beiden im Garten ist geprägt von gegenseitigen Vorwürfen: Benedikt wirft seinem Kardinal liberale Äußerungen in Bezug auf Homosexualität vor, der Kardinal monologisiert leidenschaftlich darüber, dass die Kirche sich ändern müsse, wolle sie nicht in der absoluten Irrelevanz verschwinden. "Ihre zur Schau getragene Bescheidenheit löst bei allen anderen Schuldgefühle aus", zischt Benedikt. "Was haben Sie gegen meine Schuhe?", kontert Bergoglio. Als der Argentinier sich über die Praxis beschwert, Missbrauchstäter zu versetzen und in der Beichte zu absolvieren – "Ich glaube nicht, dass ein paar magische Worte aus dem Mund eines Priesters ein Verbrechen ungeschehen machen" –, rastet Ratzinger für seine Verhältnisse fast aus: "Magische Worte, so beschreiben Sie ein heiliges Sakrament?" Nach einigen Minuten des erbitterten verbalen Fechtens stapft Ratzinger für seine Verhältnisse wütend aus dem Garten und lässt den Kardinal stehen: "Ich stimme mit gar nichts überein, was Sie sagen!" Das Rücktrittsgesuch des Argentiniers annehmen möchte er aber auch nicht, denn das, so denkt er, könnte ja so aussehen, als mache er einen prominenten Gegner mundtot.

Ist ein Film, der lebende Promis darstellt, zur strikten Nachahmung verpflichtet oder zeichnet er sich nicht vielmehr durch eine mutige Interpretation dieser Promis aus? Die zwei Päpste versucht beides. Jonathan Pryce haben sie sogar die Leberflecke von Bergoglio auf die Stirn gemalt. Hopkins trägt Ratzingers deutsche Uhr, lacht und geht wie er. Aber er spricht nicht wie er, er spricht wie eine kalte Theologiemaschine. Das ist faszinierend und ganz auf der kühl-arroganten Hopkins-Linie, aber es ist auch das Bild, das Ratzingers Gegner von ihm immer zeichnen wollten.

Die Menschlichkeit, die Geschichte und der Fortschritt sind in diesem Film aufseiten des südamerikanischen Jesuiten. Er freundet sich bei seinem Papstbesuch mit Gärtnern, Nonnen und dem gemeinen Volk an, während Ratzinger vorzugsweise auf Latein betet. Auch für Jorge Mario Bergoglios Bescheidenheit bietet der Film eine Erklärung an: Weil zwei Jesuiten während der argentinischen Militärjunta in den Siebzigerjahren durch Bergoglios Fehlverhalten – er war damals Provinzial des Jesuitenordens, also Chef der argentinischen Ordensprovinz – in Haft gerieten und gefoltert wurden, büße der ältere Bergoglio nun quasi durch besonders karges und bescheidenes Leben eine Schuld ab. Diesen Vorfall gab es wirklich, um seine Deutung liefen gerichtliche Auseinandersetzungen; richtig klar ist nichts.