DIE ZEIT: Herr Tusk, an diesem Wochenende endet Ihre Amtszeit als Ratspräsident der EU. Als sie vor fünf Jahren in Brüssel anfingen, sagten Sie: "Die Geschichte ist zurück." Was meinten Sie damit?

Donald Tusk: Damals war es mehr eine Intuition, aber heute ist uns allen bewusst, dass die Schönwetterzeit in der Politik zu Ende ist. Jene Zeit, in der die Fakten und Ereignisse ziemlich vorhersehbar waren. Natürlich konnte ich am Beginn meiner Amtszeit nicht wissen, welche dramatischen und tragischen Ereignisse geschehen würden. Die Terrorattacken in Paris, Brüssel, Nizza, München, fünf Anschläge allein in Istanbul und Ankara! Natürlich die Migrationskrise, die Griechenland-Krise und dann das Brexit-Referendum. Ich bin selbst Historiker und kann sagen, die vergangenen fünf Jahre in Brüssel waren sehr viel interessanter als erwartet.

ZEIT: Wie fällt Ihre Bilanz aus?

Tusk: Vielleicht kann man sagen, dass wir die Griechenland-Krise gelöst haben. Jedenfalls haben wir einen vernünftigen Weg gefunden, um diesen langen, oft deprimierenden Streit vor allem zwischen Deutschland und Griechenland zu beenden. Aber die Migrationskrise oder auch die Auseinandersetzung mit Russland um die Ukraine, das sind ihrer Natur nach ungelöste, permanente Probleme. Und beim Brexit haben wir zwar ein Ergebnis, einen Ausstiegsvertrag, aber der Brexit selbst ist negativ. Wenn ich über meine Arbeit in Brüssel nachdenke, habe ich immer das Bild des Sisyphos im Kopf, der den Stein wieder und wieder den Berg hinaufrollt. Manchmal scheint die Arbeit in Brüssel hoffnungslos zu sein. Und doch macht es Sinn, den Stein immer wieder bergauf zu rollen.

ZEIT: Welches war der frustrierendste Moment für Sie in den vergangenen fünf Jahren?

Tusk: (überlegt lange) Für mich persönlich – wenn auch nicht für Europa – sehr dramatisch war der Tag meiner Wiederwahl. Nach zweieinhalb Jahren mussten die Staats- und Regierungschefs entscheiden, ob sie meine Amtszeit verlängern. Und ausgerechnet die polnische Regierung, mein eigenes Land, stimmte damals gegen mich. Ansonsten kann ich mich gut an die Nacht des Brexit-Referendums erinnern. Es war um vier Uhr morgens, als die Nachricht kam, dass auch Birmingham knapp für Leave gestimmt hatte. Damit war für mich klar, dass wir gescheitert waren.

ZEIT: Sie selbst haben Ihr politisches Engagement als Student in den Siebzigerjahren begonnen, mit Protesten gegen das kommunistische Regime in Polen. Was hat Sie damals angetrieben?

Tusk: Ich bin Danziger! Deshalb bin ich so sensibel, wenn es um Freiheit und Geschichte geht. Meine Geburtsstadt Gdánsk, Danzig, ist ein besonderer Ort. Hier hat nicht nur der Zweite Weltkrieg begonnen, hier ist auch die Gewerkschaftsbewegung Solidarność gegründet worden. Und, was für mich besonders wichtig ist, Danzig ist eine Hansestadt. Man kann an diesem besonderen Ort die Essenz Europas finden, seine politische und kulturelle Einheit. Wenn Sie aus Danzig kommen, haben Sie keinen Zweifel daran, zugleich Danziger, Kaschube, Pole – das ist meine erste Identität – und Europäer sein zu können.

ZEIT: Was haben Sie damals, im Widerstand gegen den Kommunismus, gelernt?

Tusk: Die wichtigste politische Erfahrung meines Lebens war Solidarność. Ich war von Anfang an in der Bewegung engagiert und habe gelernt, dass Solidarität der effektivste Weg war, den Kommunismus zu bekämpfen. Viel später, als ich polnischer Ministerpräsident wurde, war für mich vollkommen klar, dass Solidarität auch in Europa die oberste Priorität haben muss. Ich meine Solidarität nicht als romantische Idee, sondern als politische Methode. In dieser Hinsicht war ich ziemlich konsequent: Ich habe mein ganzes Leben der Solidarität gewidmet.

ZEIT: Ihr Engagement gegen den Kommunismus war allerdings sehr viel gefährlicher als die Arbeit in Brüssel. Hatten Sie damals Angst?

Tusk: Offen gesagt und auch wenn das niemand zugibt, ist der wichtigste Grund für Revolutionen manchmal die Langeweile. Wenn ich mich an die Siebzigerjahre erinnere, dann kommt mir nicht das Gefängnis in den Sinn (Tusk wurde damals verhaftet, Anm. d. Red.), auch nicht die Schläge durch die Polizei. Sondern die Langeweile, die Hoffnungslosigkeit, die Monotonie. Darunter haben wir gelitten, als wir jung waren. Deswegen haben wir gegen das kommunistische Regime rebelliert und an illegalen Aktivitäten teilgenommen. Wir hatten damals keine Angst, sondern haben gehofft, etwas verändern zu können. Das ist der gefährlichste Moment für autoritäre Regime: wenn die Menschen merken, dass sie keine Angst haben müssen.