Drei Gipfeltreffen, ein Amtsantritt, eine Schicksalswahl: Die kommenden beiden Wochen werden Europa verändern. Fünf Ereignisse folgen ab dem nächsten Wochenende – zuerst in Brüssel, dann in London, schließlich in Paris.

Sie haben einen gemeinsamen Nenner: Europa trifft auf eine zunehmend ungemütliche Wirklichkeit. Es sucht nach neuen Wegen, sich darin zu behaupten – pathetisch gesagt: Es sucht danach, weltpolitikfähig zu werden.

Am 1. Dezember nimmt die EU-Kommission unter ihrer neuen Präsidentin Ursula von der Leyen die Arbeit auf. Europas neue Führung solle, sagt diese, "die Sprache der Macht" lernen und dem Kontinent "geopolitisch" zu neuem Gewicht verhelfen.

Schon drei Tage danach folgt in London die Probe auf den Zusammenhalt des Westens – beim 70. Geburtstag der Nato. Angela Merkel weiß nicht, wen sie unter den 29 Mitgliedern mehr fürchten soll: den US-Amerikaner Donald Trump oder den Franzosen Emmanuel Macron.

Der eine hält das Bündnis für "obsolet", der andere für "hirntot". Wie fragil die Allianz ist, zeigt sich daran, dass der Status der Feier herabgestuft wurde – vom Gipfel zum "Meeting", damit man sich nicht auf eine verbindliche Erklärung einigen muss.

Am 9. Dezember empfängt Macron in Paris Angela Merkel, Wladimir Putin und den ukrainischen Premier Wolodymyr Selenskyj. Der französische Präsident will bei diesem Treffen im sogenannten Normandie-Format den Krieg in der Ostukraine diplomatisch einhegen – und einen Neustart mit Putin wagen.

Am 12. Dezember entscheiden die Briten über ein neues Parlament und damit auch über den Brexit, den Boris Johnson nun (aber wirklich!) für Januar verspricht.

Am selben Tag kommen die verbliebenen 27 Staats- und Regierungschefs zum EU-Gipfel nach Brüssel. Sie werden bis spät in die Nacht mit bangen Blicken die Hochrechnungen der BBC verfolgen. Nach drei Jahren nervtötender Verhandlungen sehnen viele auf dem Kontinent klammheimlich den Brexit herbei.

Nur: was dann? Kein anderer Politiker treibt die Debatte darüber so beherzt an wie der französische Präsident Macron. Er stößt im Wochenrhythmus mit Vorschlägen in das strategische Vakuum Berlins vor. Er fordert eine europäische Verteidigung als Nato-Ersatz, eine neue Ostpolitik mit Moskau, einen harten Kurs gegenüber China in der Huawei-Frage, und er will die beschlossene EU-Erweiterung für die Länder des Westbalkans durch neue Regeln erschweren.

Berlin reagiert auf den Hyperaktiven im Élysée-Palast mit unverhohlener Genervtheit. Man rollt mit den Augen, winkt ab. Gegenvorschläge: keine.

Macron verdient aber eine Antwort, gerade weil er nicht in allem recht hat: So realistisch seine Analyse der europäischen Krise ist, so illusionär sind manche seiner Lösungsvorschläge. Europa kann die nukleare Abschreckung der USA – und also die Nato – auf absehbare Zeit nicht ersetzen. Frankreichs Atomwaffen reichen nicht, und Deutschland steigt gerade aus der Atomkraft aus. Putin durch partnerschaftliche Angebote zum guten Europäer zu erziehen, wie es sich Macron zutraut, daran ist Berlin bereits mit dem Außenminister Steinmeier gescheitert.

Solche Differenzen müssen offen ausgesprochen werden. Es geschieht nicht, und zwar aus einem einfachen Grund: Die Bundesregierung ist in zentralen außenpolitischen Fragen nicht sprechfähig. Die Koalition ist sich etwa in der Russlandpolitik nicht einig.

Die einen halten Putin für einen systemischen Gegner, der die liberale Demokratie angreift; die anderen sehen ihn als verprellten Partner, in dem eine verbotene Liebe zu Europa brennt. Dieselbe lähmende Ambivalenz bei den Verteidigungsausgaben: Muss man die Nato gegen Trump retten und darum mehr tun? Oder soll man sich der erpresserischen Art des US-Präsidenten mit Verweigerung entgegenstellen?

Macrons Diagnose stimmt: Es geht jetzt um die "europäische Souveränität". Pariser Antreiber gegen Berliner Bremser – das ist keine brauchbare Rollenverteilung für die beiden wichtigsten Mächte Europas.