"Ein schwüles, dichtes Dickicht. Ein Garten Eden der Gefahren", so beschrieb der amerikanische Naturforscher William Bartram 1774 das wie eine hechelnde Zunge aus jeder Karte der Vereinigten Staaten heraushängende Florida. Zweieinhalb Jahrhunderte der Zähmung, Verdrängung und Ausbeutung dieses Paradieses haben die Widersprüche des sunshine state nur noch schärfer konturiert: Besiedelt und erschlossen bis zum äußersten Zipfel der Keys, geprägt von Tourismus und Immobiliengeschäften, aber auch bedroht vom menschengemachten Klimawandel. Spätestens 2050 soll Miami Beach unter Wasser stehen, der steigende Meeresspiegel versalzt die Süßwasserreservoire, immer heftigere Hurrikans pflügen die Küsten um. Dieses Florida der Angst und Hitze schildert die Schriftstellerin Lauren Groff in ihrer gleichnamigen Sammlung von Kurzgeschichten.

Lauren Groff, geboren 1978 im kühleren Staat New York, lebt selbst in der Universitätsstadt Gainesville. Etwa ein gutes Drittel der bedacht angeordneten Storys scheint autobiografisch grundiert, so auch die erste und letzte Erzählung. Zum Auftakt mit Geister und Leerstände nimmt uns die Ich-Erzählerin, wie Groff verheiratete Mutter zweier Söhne, auf ihre abendlichen Joggingtouren durch ihr sich gentrifizierendes Viertel mit. Sie beobachtet, wie die Schwarzen wegziehen, die Obdachlosen verschwinden, alte Cracker-Häuser einstürzen. Vor allem entflieht sie der eigenen Panik: "Tagsüber, wenn meine Söhne in der Schule sind, verschlinge ich wie eine Besessene alles über die Katastrophen der Welt, die Gletscher, die sterben wie lebende Wesen, den Großen Pazifikmüllfleck und das hundertfache, nicht protokollierte Artensterben (...). Von unbändiger Trauer erfüllt, lese ich, als könnte Lesen dieser Trauer irgendwie den Rachen stopfen, statt ihre Gier zu befeuern, denn genau das passiert."

So klar ausformuliert wird dieser climate grief nur hier und in der letzten Geschichte Yport, die zugleich eine Liebeserklärung an Groffs Söhne ist. Und doch zieht er sich wie ein Basso continuo durch fast alle Erzählungen, die Katastrophen beschwören und zu bannen versuchen. Beklemmend etwa Wolf werden, die Geschichte zweier Mädchen, vier und sieben, die erst von ihrer prekären Mutter und deren Lover auf einer einsamen Ausflugsinsel zurückgelassen werden, dann auch noch von deren Bekannten, die wiederum überstürzt abhauen, als ein Sturm aufzieht. Ruhelos ist die Mutter bislang mit den Girls von Ort zu Ort gezogen, und aus der ganz auf das Jetzt konzentrierten Perspektive der Mädchen, an die Groff sich erzählend anschmiegt, klingt das fast noch trauriger, als es sich anfühlt: Viel schlimmer als ihr eigenes Verlassenwordensein finden sie, dass die Bekannten ihren Hund zurückgelassen haben. Zwangsläufig werden die Kinder am Rande des Inselurwalds zu Überlebenskünstlerinnen, die sich trotz brüllender Hitze, Unwettern und leerer Mägen behaupten, bis schließlich Rettung auftaucht.

Schonungslos buchstabiert Lauren Groff die Worst Cases immer neu aus, lässt eine frisch Geschiedene weintrinkend einem sich "blutergussähnlich" ausbreitenden Hurrikan trotzen oder eine sexabenteuerlustige Amerikanerin eine brasilianische Sturmnacht – nicht alle Storys spielen in Florida – im zweifelhaften Schutz eines armen Ladenbesitzers durchzittern. Und doch zögert sie im letzten Moment, nimmt ihre den aufgepeitschten Naturkräften ausgelieferten Protagonistinnen kurz nach der Nahtoderfahrung in Schutz. Darin gleicht sie den unmütterlichen Müttern, die in ihren Geschichten oft zerrissen werden vom Wunsch, sich aus ihrem Alltag herauszuziehen, dann aber umso kämpferischer für ihre Kinder eintreten. Was auch umgekehrt gilt, wenn etwa zwei Jungen in Die Mitternachtszone ihre schwer verletzte Mutter in der von Berglöwen umschlichenen Wildnishütte ohne fremde Hilfe umsorgen.

In ihrem hochgelobten letzten Roman Licht und Zorn schilderte Lauren Groff eine Akademikerehe erst aus männlicher, dann aus weiblicher Perspektive und konturierte dabei scharf die Folgen, die Privilegien genauso nach sich ziehen können wie ihre Abwesenheit. In den elf Florida-Erzählungen dominiert nun klar die weibliche Perspektive, aber deren sehr unterschiedliche soziale Einbettung hat Groff ebenfalls genau im Blick. Am offensivsten in Oben und unten, wo eine junge, durchs Studium immer noch hoch verschuldete Literaturwissenschaftlerin nach dem Verlust ihrer Wohnung in die Obdachlosigkeit driftet. Mit einer Mischung aus Scham und Trotz schlägt sie sich an den Küsten Floridas durch, begegnet tapferen Putzmännern, tollkühnen Alleinerziehenden und freakigen Kommunarden. Zunächst noch stolz auf purzelnde Pfunde und sonnenverbrannte Haut, verwandeln sich diese unversehens in Zeichen der Armut.

"Was solide gebaut schien, war doch so zerbrechlich im Angesicht der Zeit, denn die Zeit, mehr Tier als Mensch, war gleichgültig. Es kümmert sie nicht, ob man aus ihr herausfiel. Sie ging auch ohne einen weiter. Sie sah einen nicht; sie war schon immer blind gewesen für den Menschen und all das, was er tut, um sie aufzuhalten, das Einordnen, Putzen, Strukturieren und Sortieren" – so heißt es in Mitternachtszone, in der die verwundete Erzählerin sich nachts von ihrem Körper löst und als reine Imagination durch das Dickicht vor der Hütte streift.

© Hanser

Wieder und wieder treibt Lauren Groff ihre Protagonistinnen in die Erfahrung der eigenen Zerbrechlichkeit, ob neurotisch-privilegiert oder doch ganz existenziell. Eine ständige Unruhe durchzieht ihre Sprache (von Stefanie Jacobs sensibel übersetzt), die manchmal abrupt zwischen sprödem Protokoll und üppigen Bildern hin- und herwechselt und in der Giftschlangen, Sturmnächte und Erdlöcher sich auch in den Innenwelten der Menschen ausbreiten. Worin ein Trost liegt: Denn wer sich der Natur, dem Leben in all seinen Erscheinungsformen und also dem Tod ausliefert, wer bereit ist, sich als Teil dieser Kreisläufe und nicht als ihnen überlegen zu begreifen, verliert womöglich die Angst.

Lauren Groff: Florida. Erzählungen; aus dem Englischen von Stefanie Jacobs; Hanser Berlin im Carl Hanser Verlag, München 2019; 320 S., 22,– €,  als E-Book 16,99 €