Amir Baraki wirkt, als wäre er einem Werbefilm über gelungene Integration entsprungen. Der 29-Jährige sieht nicht nur aus wie ein Model, der Bart sauber getrimmt, das Lächeln strahlend, die gepflegten Haare zum Dutt gebunden. Er ist auch ziemlich gut angekommen in seiner neuen Heimat. Seit vier Jahren lebt er mit seiner Frau Maryam in Hamburg, seine beiden Söhne wurden einen Tag nach der Ankunft des afghanischen Paars in der Stadt geboren. Inzwischen spricht Baraki ganz gut Deutsch, er hat einen Job bei einem Party-Caterer und einige deutsche Freunde. Nur an einem Schritt ist er immer gescheitert: eine Wohnung zu finden.

Als Familie Baraki im Sommer 2015 nach Hamburg kam, schlief sie ein halbes Jahr in der Zentralen Erstaufnahmestelle in der Harburger Poststraße, erst auf dem Boden, dann auf Pritschen. Danach wurden die Barakis für einige Monate in einer ehemaligen Kantine untergebracht und schliefen Bett an Bett mit Fremden, getrennt nur von einem dünnen Laken. Schließlich zogen die Eltern mit ihren beiden Kindern in ein Haus aus Containermodulen in Jenfeld an der Stadtgrenze. 

In der Unterkunft ist es eng und laut

Läuft man in diese kleine Siedlung hinein, kann man das Gefühl bekommen, vier Jahre zurückgeworfen zu werden – in den Herbst 2015, in dem die besseren Notunterkünfte oft so ähnlich aussahen. Dies hier aber ist keine provisorische Notunterkunft, sondern eine dauerhafte Folgeunterkunft. Zwischen hohen Plattenbauten stehen 31 Häuser, an den Außenwänden Stahltreppen, die Türen haben keine Klingeln. Es ist eng. Die Barakis schlafen zu viert in einem kleinen Raum, ihr Bettenlager nimmt fast den gesamten Platz ein. Oft werden die Kinder nachts wach. Durch die dünnen Wände hört man jedes Stuhlrücken im Nebenzimmer, und oft drehen die Mitbewohner – ein altes iranisches Paar – den Fernseher auf volle Lautstärke.

Die Barakis teilen sich Badezimmer, Küche und Toilette mit den Nachbarn. Ständig seien die Räume verschmutzt, sagen sie, egal wie viel sie putzen würden.

Man merkt Amir Baraki an, dass er nicht undankbar wirken will. Mit großer Euphorie spricht er über Deutschland, ein Land, das er bewundert und in dem er leben will. Aber man merkt, dass ihn die Situation anstrengt: Die Barakis sind jetzt vier Jahre in Deutschland – und wohnen noch immer so, als wären sie gerade erst angekommen. Dabei wären sie längst bereit, "echte deutsche Bürger zu werden", wie Amir Baraki sagt. Er und seine Frau haben ihre Integrationskurse absolviert, sie haben einen Aufenthaltstitel, längst auch einen Wohnberechtigungsschein, hätten also Anspruch auf eine Sozialwohnung. Doch alle Bewerbungen wurden abgelehnt, Amir Baraki hat aufgehört, sie zu zählen.

Schafft Hamburg das?

Möchte man heute herausfinden, wie es um die Integration der 2015 nach Hamburg gekommenen Menschen steht, lohnt ein Blick auf ihre Wohnsituation. Hingen die Asylbewerber nach ihrer Ankunft monatelang in den Erstaufnahmeunterkünften fest, stecken heute rund 25.000 Flüchtlinge in sogenannten Folgeunterkünften und kommen nicht weiter – obwohl rund 15.000 ihrem Aufenthaltstitel nach wohnberechtigt sind.

Juli 2015: In der Wilhelmsburger Erstaufnahmestelle leben Flüchtlinge in großen Zelten. © picture-alliance/​dpa

Es ist zwei Jahre her, da veröffentlichte die Stadt einen Integrationsbericht voller bunter Schaubilder. Eines zeigte den geplanten Integrationsfortschritt: Ab drei Jahren Aufenthalt in Hamburg, stand dort, trete Stufe drei ein, die Phase "des Angekommenseins". Dem Bericht zufolge bedeutet das: "Nachhaltiger, gleichberechtigter Zugang zu allen Lebensbereichen."

Schafft Hamburg das? Wenn die Unterbringung der Flüchtlinge 2015 ein Sprint war, dann ist die Stadt jetzt mitten in einem Marathon. Geht ihr die Puste aus?

Annegrethe Stoltenberg war einst Hamburgs Landespastorin und Diakonie-Chefin, heute leitet sie die Ombudsstelle für Flüchtlinge der Stadt. Wenn es Streit gibt zwischen Asylbewerbern und Behörden, wenn Flüchtlinge Unterstützung brauchen oder sich schlecht behandelt fühlen, soll Stoltenberg als unabhängige Schlichterin auftreten. Die 69-Jährige sagt, ihr Büro sei eine Art "Seismograf" für die drängendsten Probleme der Flüchtlinge. Seit Monaten schlägt die Nadel vor allem in eine Richtung aus: 90 Prozent der Fälle drehen sich um das Thema Wohnen. 

Stoltenberg merkt, dass "der Kessel voll ist". Die Leute kommen oft verzweifelt zu ihr, hoffen, dass die Ombudsstelle ihnen eine Wohnung besorgen kann, offenbar hatte sich das als Gerücht über soziale Netzwerke verbreitet. Meist ist Stoltenberg machtlos. "Sie kennen ja den Hamburger Wohnungsmarkt", sagt sie. Einige der Klienten brechen dann in Tränen aus, andere schlagen wütend die Tür hinter sich zu. Die Flüchtlinge in Stoltenbergs Büro leben wie die Barakis seit Jahren in Hamburg, haben aber oft noch immer nicht das Gefühl, richtig dazuzugehören. Menschen, die integriert sind, kämen nicht zu ihr, sagt Stoltenberg. "Wer in öffentlich-rechtlicher Unterbringung lebt", sagt sie, "der ist quasi noch gar nicht richtig angekommen."