Die größte Gefahr für die katholische Kirche im Westen ist heute nicht etwa der Unglaube, sondern die Liebe. Unverheiratete Paare, die ihr Kind taufen lassen wollen; Geschiedene, die das Sakrament der Ehe zum zweiten Mal für sich verlangen; Priester, die aus romantischeren Gründen als nur Sex den Zölibat brechen; Homosexuelle, die vorm Altar getraut werden möchten.

Ach Gott, könnte man sagen, das gab es immer: dass die Liebe nonkonform und zwischen Ideal und Wirklichkeit ein Widerspruch ist. Davon leben ja die berühmten Dramen ebenso wie die Schmonzetten: The Scarlet Letter und Effi Briest, Die Dornenvögel und Brokeback Mountain. Jedoch hat die Kirche ein Problem, seitdem die vielen Arten zu lieben Normalität geworden sind – und nun durch Rituale der christlichen Tradition beglaubigt werden wollen. Das hat das Zentralkomitee der deutschen Katholiken erkannt und befürwortet jetzt eine Segnung homosexueller Paare. Die Forderung ist auch eine Reaktion auf die "Ehe für alle", das seit 2017 geltende Recht auf gleichgeschlechtliche Eheschließung.

Früher fand die Kirche, das sei wider die Schöpfungsordnung. Heute würden das in Deutschland nur noch ein paar erzkonservative Theologen so sagen. Alle anderen wissen: Je normaler das von der Glaubenslehre Verbotene wird, desto lächerlicher erscheint diese. Deshalb spricht selbst der Vatikan bei homosexuellen, unverheirateten oder geschiedenen Paaren nun von "irregulären" Situationen, und der Papst hat das Wort in seinem Schreiben Amoris Laetitia ("Freude der Liebe") in distanzierende Anführungszeichen gesetzt. Vor allem warnt er seine Bischöfe, "moralische Gesetze anzuwenden, als seien es Felsblöcke, die man auf das Leben von Menschen wirft".

Sakramente hin oder her: Die Kirche muss schleunigst einen unpeinlichen Umgang mit der Wirklichkeit der Liebe finden; gerade weil homosexuelle Christen noch nicht alle entnervt ausgetreten sind, sondern bleiben. Die evangelische Kirche hat den Segen für gleichgeschlechtliche Paare bereits landesweit erlaubt. Denn in der freien Gesellschaft sind der Glaube an Gott und die Loyalität zur Kirche offenbar noch so stark, dass Wegrennen für viele, die sich mit Recht diskriminiert fühlen könnten, keine Option ist. Darin besteht ja der Witz und – das Wunder.