Nach dem ersten friedlichen Wochenende seit Mitte August sitzt Kinda Li, 28, nahe der umzingelten Polytechnischen Universität an einem Springbrunnen. Es ist Montagnachmittag, noch immer harren auf dem Campus einige Studenten aus, die sich der Polizei nicht stellen wollen. Nach der langen Wahlnacht sind Lis Augen gerötet, auf seinem blauen Hemd sind Kaffeeflecken.

Eigentlich müsste ihm zum Feiern zumute sein: Er ist einer von 391 Kandidaten des prodemokratischen Lagers, die am Vorabend 90 Prozent der Bezirksratssitze in Hongkong gewonnen haben. Sein Gegenkandidat, ein Peking-treuer Geschäftsmann, hatte Mondkuchen und Lunchpakete an die Senioren im Viertel verteilen lassen. Und doch verlor der Amtsinhaber seinen Sitz an den pausbäckigen Kunsttherapeuten Li, der mit seinen Eltern und zwei Schwestern auf 46 Quadratmetern wohnt und in seiner Freizeit melancholische Songtexte dichtet.

Das Wort Sieg will Li dennoch nicht in den Mund nehmen. Natürlich sei es ermutigend, dass die Bevölkerung der Protestbewegung so deutlich ihre Unterstützung ausgesprochen hat, trotz der zunehmenden Gewalt. Li gehört zur Fraktion der Friedlichen, man kann ihn sich auch schwer mit Pfeil und Bogen oder Molotowcocktail in der Hand vorstellen. Doch distanzieren will er sich von den Militanten nicht. "Falls die Regierung unsere Forderungen weiter ignoriert, müssen unsere mutigen Kämpfer wieder in den Einsatz ziehen." – "Mutige Kämpfer", so nennen die gemäßigten Demonstranten die Gewaltbereiten in ihren Reihen, obwohl die die Schwelle von Selbstverteidigung zu blinder Wut immer öfter überschreiten.

Der Frieden, der sich vorübergehend über die Stadt gelegt hat, ist fragil. Blutige Straßenkämpfe können jederzeit wieder ausbrechen, sofern Peking weiter kompromisslos bleibt. Moderate wie Li sprechen von "Arbeitsteilung": Man brauche die Radikalen weiter als Reservespieler. Ein Gesetz, das die Auslieferung von Hongkongern an Festlandchina erlauben sollte, hatte im Sommer die Proteste ausgelöst. Inzwischen geht es um alles: Freiheit und Bürgerrechte oder Unterwerfung durch Peking. Nach einem friedlichen Marsch von zwei Millionen Menschen Mitte August hatte die Peking-treue Stadtregierung alle Proteste verboten. Erst bei den Bezirkswahlen konnten die gewaltfreien Demokratie-Anhänger ihren Unmut wieder zum Ausdruck bringen. Ob und wann sich eine neue Gelegenheit ergibt, weiß niemand.

In der Zwischenzeit war die Gewalt auf den Straßen Woche um Woche eskaliert: Seit Ausbruch der Proteste im Juni hat die Polizei Tausende Tränengaskanister, Gummipatronen und Beanbag-Schrotgeschosse eingesetzt. Regierungsnahe Gangsterbanden schlugen auf Protestierende und unbeteiligte Passanten ein. Dreimal verwundeten Polizeibeamte Demonstrierende mit Pistolen, neuerdings tragen Spezialkräfte demonstrativ halbautomatische Waffen im Einsatz, auch medizinische Ersthelfer und Journalisten werden inzwischen verhaftet.

Je brutaler die Polizei ungestraft gegen Anhänger der Protestbewegung vorging, desto mehr eskalierte zuletzt auch die Wut der Demonstranten: Maskierte attackierten Beamte und Peking-nahe Politiker mit Messern und verprügelten Gegner auf offener Straße oder verätzten sie mit Säure. Ein Mann wurde von einer Gruppe Demonstranten nach einem Streit mit Benzin angezündet.

Ein 70-jähriger Straßenreiniger starb, nachdem er von einem Ziegelstein getroffen wurde, den ein Demonstrant geschmissen hatte. In Online-Foren rufen Radikale zur Jagd auf Polizisten und deren Familien auf, mit Ausweisnummer, Adresse und Name der Schule ihrer Kinder.

Die bekannte Bloggerin und Soziologin Minnie Li aus Shanghai lebt seit 2008 in Hongkong. Von identitären Protestierenden, sogenannten Lokalisten, werde sie neuerdings als "Festland-Fotze" beschimpft, erzählt Li – obwohl sie sich klar zu den Forderungen der Hongkonger bekennt.

Ob solche xenophoben Übergriffe oder die Verwüstung von Geschäften chinesischer Elektronikhersteller dem Kampf für Demokratie dienlich sind, fragen sich viele Bürgerrechtler nur hinter vorgehaltener Hand. Offen verurteilen möchte die Gewaltbereiten niemand: Hinter den Exzessen werden entweder "Geister", also Provokateure der Regierung, vermutet, oder man sieht gnädig über sie hinweg.